Heute habe ich wieder eine Mikrogeschichte für euch, die jetzt auch alle auf einer Unterseite gesammelt sind. Diesmal ist es ein Stück weit die Vorgeschichte von Nathaniel aus meiner Run jump and … Reihe.
Man sagt, Blut sei dicker als Wasser, und in einer Familie müssen alle zusammenhalten. Egal was passiert.
Nathaniel stand auf der Empore des Jugendzentrums und lauschte der Musik aus dem Innenraum. Er lächelte, beobachtete die anderen, und ihre ausgelassene Stimmung schenkte ihm inneren Frieden. Es war richtig, was er getan hatte.
Blut ist dicker als Wasser. Aber man kann sich nicht aussuchen, mit welchem Blut man geboren wurde. Was macht es für einen Sinn, sich schützend vor jene zu stellen, deren Moralvorstellungen man nicht teilte?
»Du hast es wirklich geschafft.« Einer der Sozialarbeiter stellte sich an seine Seite und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Geländer ab.
»Ja, das habe ich.«
»Ich muss zugeben, dass ich nicht damit gerechnet habe.«
Das hatte niemand. Als er von seinen Plänen erzählt hatte, hatten alle nur den Kopf geschüttelt. Wer würde schon einem Sechzehnjährigen zuhören? Geschweige denn ernst nehmen.
Sein Verstand hatte Nathaniel das Gleiche gesagt. Aber das war diese eine Stimme. Leise flüsternd und direkt in seinem Herzen.
Mach es!
Er war ihr gefolgt und hatte eine Lawine ausgelöst, für die auch er einen Preis zahlen würde. Nur stand der noch nicht fest.
»Was wird dein Vater jetzt tun?«
»Sich einen neuen Job suchen?«
Blut ist dicker als Wasser. Aber Blutgruppen unterscheiden sich auch innerhalb der Familie. Und wenn man zwei falsche Gruppen mischte, nahm dies meist kein gutes Ende.
»Lass mich die Frage anders stellen: Was wird er mit dir machen?«
Das war der Preis, dessen Wert noch wie ein dunkler Schatten hinter ihm stand.
Um das Jugendzentrum zu retten, hatte Nathaniel die Karriere seines Vaters beendet.
Er hatte im Rathaus bewusst das teuerste Angebot für die Sanierungskosten des Jugendzentrums eingereicht. Ein Abriss und ein Verkaufen des Geländes wären günstiger gewesen. Ein Investor, der darauf eine Mall bauen wollte, hatte bereits mit fertigen Bauplänen in den Startlöchern gestanden.
Der Investor war ein guter Freund von Nathaniels Vater und es wäre für beide Seiten sicher ein guter Deal gewesen. Auch die Stadt war nicht abgeneigt, Gewinn einzufahren, statt Geld auszugeben.
Die Kinder und Jugendlichen? Die würden schon einen anderen Ort finden.
Ein einziges Telefongespräch, das Nathaniel mitgehört hatte, war der Anfang vom Ende der Mall gewesen.
»Mein Vater … Er wird das tun, was er immer macht. Anderen, in dem Fall mir, die Schuld an dem geben, was er verbockt hat. Und dann wird er sich einen neuen Posten besorgen.« Nathaniel seufzte. »So wie es Leute in den Positionen immer schaffen.«
Der Gedanke daran war wie Sodbrennen nach einem guten Essen. Der Schmerz nach dem Erfolg, den Nathaniel errungen hatte. Dass er am großen und ganzen System nichts geändert hatte, stellte sich allein der gute Geschmack des Essens entgegen. Und der innere Frieden, den ihm auch der Gedanke an den Preis für sein Tun nicht nehmen konnte.