Leseprobe Run Jump and be Yourself

Kapitel 1

Was du willst, hat keine Bedeutung.

»Du kannst mich mal!« Nathaniel schlug mit der Faust gegen die Wand. Der rissige Putz brach auf und rieselte auf den staubigen Boden. Er zog die Hand zurück, starrte auf die aufgeplatzte Haut seiner Fingerknöchel und wartete auf den Schmerz. Aber die Wut überlagerte ihn.

Dein Verhalten und deine Noten sind unterirdisch. Wir sind nicht mehr in Seattle. Hier hast du dich zu fügen.

Nathaniel atmete tief ein. Er musste diese Unruhe unter Kontrolle bekommen. Noch einmal betrachtete er seine Hände.

»Ich habe es so satt!«

Seine Stimme hallte an den kargen Mauern der alten Fabrik wider. Ein Vogel flog erschrocken auf und verließ das Gebäude durch ein zerbrochenes Fenster. Eine Feder segelte vor Nathaniel zu Boden. Er beneidete das Tier, dass es sich in die Lüfte erheben konnte. Wie gerne wäre er ihm gefolgt. Weg von allem, was ihn belastete.

Nathaniel bückte sich nach der Feder. Sein Zittern übertrug sich auf sie. Er biss die Zähne zusammen und richtete seinen Blick in die Halle vor sich. Sie war durchzogen von hüfthohen Stahlträgern, die einst Förderbänder getragen hatten.

Ein Schleier legte sich vor seine Augen. Sein Körper konnte den Zorn nicht mehr halten und verwandelte ihn in Tränen.

»Mist. So weit bringt er mich schon.« Er schloss die Augen und sah seinen Vater vor sich. Mit dem Blick, unter der randlosen Brille hindurch, voller Abneigung und Arroganz seinem Sohn gegenüber. Die Flucht zu ergreifen, kurz bevor die Situation zu eskalieren gedroht hatte, war richtig gewesen. Die Erinnerung befeuerte Nathaniels Zorn. Er öffnete die Augen und fixierte den Stahlträger, wenige Meter vor ihm.

Ich sollte das jetzt nicht tun. Sein Verstand wusste das, aber er musste etwas tun, um sich aus dieser Ohnmacht zu befreien.

Er strich die Ponysträhnen zurück, die nach zwei Jahren Wachstum immer noch nicht in seinen Zopf passen wollten, und rannte los. Mit aller Kraft, die er durch seine Wut entfesseln konnte, sprang er ab, landete auf einem Träger und setzte zum nächsten über. Es fühlte sich nicht gut an. Für die Balance, die ein Präzisionssprung brauchte, fehlte ihm die Konzentration.

Staub wirbelte auf, als er auf dem Boden aufsetzte und einen Sprint zum nächsten Hindernis machte. Mit einer Hand stützte er sich auf dem Balken ab und schwang die Beine darüber.

Nathaniel nahm noch mehr Geschwindigkeit auf, überwand den folgenden Träger mit einem einfachen Sprung und rollte sich über die Schulter ab.

Parkour. Seine Leidenschaft. Das, was ihm über die Jahre immer die Energie gegeben hatte, die Ansprüche seines Vaters zu ertragen. Die Flugphase versprach ihm ein Stück Freiheit und gab ihm das Gefühl, wie der Vogel zu sein, der aus dem Fenster verschwunden war.

Er sprang noch einmal auf einen Träger. Seine Füße berührten ihn auf seiner ganzen Breite. Besser. Viel besser. Ein Grinsen flog über sein Gesicht und es wurde noch breiter, als er mit Leichtigkeit die Distanz zwischen den beiden Trägern überwand.

Die Hitze in seinem Geist wandelte sich in eine wohlige Wärme, die alle Gedanken an seinen Vater in den Hintergrund schob und sich anfühlte wie die Sonne an einem der Strände von Seattle, wenn man gerade aus dem Wasser gekommen war. Dort, wo er mit seinen Freunden auf einem Übungsplatz für Parkour gewesen war, wann immer es das Wetter erlaubt hatte. Oder wenn das Wetter es nicht erlaubt hatte, sie es aber ignoriert hatten.

Wo willst du hin?, drängte sich die Stimme seines Vaters in seinem Bewusstsein auf. Diese Erinnerungen, warum konnten sie nicht einfach still sein.

Nathaniel nahm Tempo auf. Er musste sich auf seinen Run konzentrieren. Das hier war seine Welt. Nicht die von ihm. Sein Vater hatte draußen zu bleiben. Auch aus seinen Gedanken.

Mit dem sinnlosen Gehopse ist Schluss. Du hast schon zu viel Zeit damit verschwendet. Was sollen die Leute denken, wenn ich meinem Sohn diesen Schwachsinn durchgehen lasse!

Sein Kopfkino zerrte an seiner Konzentration, aber es war zu spät, den Sprung noch zu bremsen. Nathaniel berührte den Träger mit den Zehenspitzen, rutschte ab und versuchte, sich abzufangen. Er konnte nur noch verhindern, dass er mit dem Gesicht auf dem Balken aufschlug. Stattdessen krachte er mit dem Ellenbogen auf die Kante des Trägers und landete hart auf den Knien.

Verdammt.

»Hey du!«

Er hörte schnelle Schritte und drehte seinen Kopf zum Hallentor. Ein Mädchen kam ihm entgegen. Mit einer Leichtigkeit, als hätte die Schwerkraft für sie keine Bedeutung, sprang sie über die Träger. Fasziniert davon starrte Nathaniel sie an. Auch als sie vor ihm aufsetzte, konnte er nicht anders, als sie, ohne zu blinzeln, im Blick zu behalten.

»Ist alles in Ordnung mit dir?« Sie ging neben ihm in die Hocke.

»Ich …« Nathaniel drehte seinen Ellenbogen so, dass er die Verletzung sehen konnte. Blut tropfte auf seine Jeans. »Ach, nur ein Kratzer«, winkte er ab.

Sie strich sich die kinnlangen Haare ihres Seitenscheitels hinter das Ohr und betrachtete skeptisch die Wunde. »Das sehe ich anders.«

»Das ist wirklich nicht schlimm.«

»Das dachte ich damals auch.« Sie zog ihr Hosenbein bis zum Knie hoch. Eine wulstige Narbe zog sich über ihre Kniescheibe. »Dann hat es sich entzündet und ich lag mit Blutvergiftung im Krankenhaus. Bei dem alten Industriegebiet weißt du nie, was hier so rumliegt.«

Sie setzte ihren Rucksack ab und nahm eine Flasche heraus. »Halt mal den Arm her, ich spüle die Wunde aus.«

»Das ist wirklich nicht nötig.«

Sie musterte ihn mit ihren blauen Augen. So sanft und besorgt ihr Blick im ersten Moment war, so schnell wandelte er sich zu einem Sturm.

»Keine Widerrede.« Sie schraubte den Verschluss auf und goss langsam Wasser über seine Verletzung.

Das Blut und der Dreck wurden herausgespült und gaben Nathaniel einen anderen Eindruck von der Wunde. Die Ränder klafften auseinander. Der Anblick weckte ein erstes Zwicken in seinem Ellenbogen.

»Ich habe dich beobachtet, hast ganz schön Speed drauf gehabt.«

»Bisschen zu viel.«

»Ja.« Mit einem Taschentuch trocknete sie die Wundränder, dann nahm sie ein Desinfektionsspray aus dem Rucksack. »Könnte jetzt brennen.«

»Schon okay.« Er verzog das Gesicht. »Das schöne Gefühl, wenn man merkt, dass wirklich alles abgetötet wird«, murmelte er.

»Wie heißt du?«

»Nathaniel, und du?«

»Ich bin Jill.« Sie klebte ein Pflaster auf die Wunde. »Das sollte reichen.«

»Danke.« Er drehte den Arm und betrachtete das Pflaster.

»Kein Ding.« Sie ließ ihren Blick über ihn wandern.

Er zuckte zurück, als sie ihre Hand zu seiner Stirn bewegte und seine Haare zur Seite strich. Ihre Fingerkuppen berührten seine Haut. »Du hast auch Blut an der Stirn.«

Nathaniel zeigte ihr die Hand, mit der er gegen die Wand geschlagen hatte.

»War das schon dein zweiter Sturz heute?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Einfach nur einen miesen Tag gehabt und ich wollte die Wut irgendwo loswerden.«

Jill stand auf und reichte ihm die Hand. »Ich auch. Ich wollte mich hier ablenken. Trainieren wir ein bisschen zusammen?«

Er schaute auf ihre Hand. Kleine Kratzer und Hornhaut erinnerten ihn daran, dass seine Hände beim regelmäßigen Training ähnlich ausgesehen hatten. Immer dann, wenn er etwas Neues ausprobiert hatte, um seine Grenzen zu erweitern.

Jill lächelte ihn an. Eine braune Strähne löste sich und wurde von dem leichten Wind, der durch die Halle ging, über ihre Wange gestrichen. »Na los, hoch vom Boden.«

Nathaniel nahm die Hilfe an. Ihre Hand ist so warm.

»Wie fühlst du dich?«

Jetzt, wo er vor ihr stand, bemerkte Nathaniel, dass sie fast so groß war wie er.

»Geht.« Er streckte sich. »Gib mir noch einen Moment.« Das Adrenalin, das Nathaniel angetrieben hatte und in den ersten Minuten nach dem Sturz den Schmerz unterdrückt hatte, baute sich langsam ab. Seine Knie taten weh und der Ellenbogen zeigte sich auch wenig begeistert davon, dass Nathaniel ihn bewegte.

»Klar. Ich habe ja gesehen, was du kannst. Dann zeige ich dir mal etwas von mir.«

Jill nahm drei Schritte Anlauf und sprang auf den ersten Balken. Mit weiten Sprüngen kam sie zu den beiden folgenden. Seine Augen weiteten sich, als Jill mit einem Frontflip die Distanz zwischen zwei Trägern hinter sich brachte und sicher landete.

Sie war so präzise, dass sie sich kaum ausbalancieren musste.

Jill hüpfte von dem Träger herunter, landete wie eine Katze auf dem Boden. Sie sprang über das nächste Hindernis, ohne die Hände aufzusetzen.

Sie hat volles Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Jede ihrer Bewegungen ist sicher und das weiß sie. Sie ist unheimlich gut.

Am Ende der Halle drehte sie sich um.

»Fertig!«, rief sie ihm zu.

Er nickte. Dann nahm er etwas Schwung, um ihr zu folgen.

Beim Parkour wurden Drehungen und andere akrobatische Einlagen als überflüssig angesehen, beim Freerunning waren sie das Fundament. Es ging allein um das Bewegen. Jill hatte beides verbunden auf eine Art, die Nathaniels Herz hatte höherschlagen lassen. Es hatte ihm Spaß gemacht, ihr zuzusehen, und es zeigte ihm, wie viel er noch lernen konnte.

Jetzt war er an der Reihe. Er überwand die Hindernisse mit einfachen Sprüngen, ohne den Versuch einer Landung darauf. So ganz traute er seinem Körper nach dem Sturz noch nicht. Es war das, womit er sich am sichersten fühlte. Das, was Parkour ausmachte. Hindernisse so schnell, flüssig und mit möglichst wenig Verlust an Kraft hinter sich zu lassen.

»Parkour in Reinform«, sagte sie, als er vor ihr aufsetzte. »Nicht schlecht.«

Ihr Lob freute ihn, auch wenn er durch Jill wieder einmal gesehen hatte, wie viel besser er schon sein könnte, wenn er so hätte trainieren können, wie er wollte.

»Ja. Aber vielleicht kann ich von dir noch eine Menge über Freerunning lernen. Mir gefällt die Art, wie du es verbindest. Hat irgendwie was von Trinity aus Matrix.«

»Danke«, sagte sie schnell. »Aber ich wüsste da einen besseren Lehrer. Mein Freund hat es mir beigebracht und er hat sicher nichts dagegen, wenn du mit uns trainierst.«

Mein Freund? Nathaniel hob leicht die Hände. »Ich will euch nicht stören.«

»Ach was, du störst nicht. Wir waren mal eine ganze Gruppe, aber dann sind einige weggezogen, andere haben aufgehört und wir sind die Letzten, die dabeigeblieben sind. Es wäre toll, wenn mal wieder jemand dazukommt. Ein bisschen frischer Wind und Austausch wären gut.«

»Also ich …«, setzte Nathaniel an, dann musste er an die Vorwürfe seines Vaters denken. Nathaniel hätte gerne wieder Anschluss an Menschen gehabt, die seine Leidenschaft teilten, aber wie viel Zeit würde ihm wirklich dafür gegeben sein? Seit sie hier lebten, trainierte er kaum noch. Die Schule dauerte länger als in Seattle und sie war schwerer, sodass er oft bis in den frühen Abend hinein an den Hausaufgaben saß. Dann wurde es dunkel und oft war Nathaniel zu ausgelaugt, um sich auf ein Training konzentrieren zu können.

Dabei brauchte er diesen Ausgleich. Je länger er nicht trainierte, desto deutlicher spürte er das. Aus dem Parkour zog er seine Kraft und langsam ging sie ihm aus. Er musste sich die Zeit nehmen, wenn er nicht an dem ganzen Druck, den er von seinem Vater bekam, zerbrechen wollte.

»Ich bin dabei. Wenn dein Freund nichts dagegen hat.«

»Super. Gibst du mir deine Handynummer, dann mache ich eine Gruppe auf.«

»Klar.«

Sie schaute zurück zu dem Platz, an dem Nathaniel gefallen war. »Ach Mist, mein Rucksack steht noch dort.« Ein Grinsen breitete sich auf ihren Lippen aus. »Ich bin zuerst dort.«

»Was?«

Jill rannte los. Nathaniel folgte ihr sofort. Ihr Lachen war so hell, so ehrlich und so ansteckend. So befreiend? Er konnte sich kaum daran erinnern, wann er das letzte Mal gelacht hatte.

Wie beim Hürdenlauf überwanden sie die Hindernisse. Nathaniel strengte sich an, Jill einzuholen, aber durch ihren Frühstart reichte ihr Vorsprung aus, um vor ihm am Ziel zu sein.

»Gewonnen!«

»Weil du gemogelt hast.«

»Ach ja?« Sie reckte das Kinn. »Wir können das jederzeit wiederholen.«

»Das erwarte ich auch.« Er lachte.

Jill ließ die Schultern sinken und bedachte Nathaniel mit einem sanften Blick. »Fühlst du dich jetzt besser?«, wollte sie wissen.

Er nickte. Besser und vor allem leichter als vor einer halben Stunde. Die Wut war nicht ganz verflogen, aber sie löste sich auf wie Nebel in der aufgehenden Sonne und der Rest seiner Gefühlswelt kam wieder zum Vorschein.

»Das ist schön.« Sie setzte sich auf den Boden und holte das Handy aus der Tasche. »Hier, gib ein, was du preisgeben willst.« Sie hielt ihm das Smartphone hin.

Er setzte sich zu ihr. »Brauchst du auch den Nachnamen?«

»Wie du magst.«

Nathaniel tippte Namen und Telefonnummer ein, dann gab er ihr das Gerät zurück.

»Alister?« Sie legte die Stirn leicht in Falten. »Du hast aber nichts mit dem neuen Berater für Stadtplanung zu tun, oder?«

Nathaniel sah zur Seite. »Er ist mein Vater. Wir sind vor drei Monaten aus Seattle hierher gezogen.«

»Verstehe.« Sie steckte das Handy weg. »War er der Grund, warum du einen miesen Tag hattest?«

»Ja.« Nathaniel zog die Beine etwas an den Körper und zwirbelte einen der losen Fäden der Knie seiner Hose. »Wir haben zu unterschiedliche Ansichten. Es knallt im Moment ständig.«

Warum erzählte er ihr das? Es interessierte sie sicher nicht.

»Dann ist es gut, dass du zu uns kommst. Wenn wir unterwegs sind, wirst du keine Zeit mehr haben, um zu grübeln.«

Grübeln? Davon hatte er ihr doch nichts gesagt.

»Ich hoffe, dass er mir die Zeit dafür lässt.«

»Wir haben keine festen Termine. Alles ohne Stress.« Jill stand auf. »Hast du noch Energie?«

Nathaniel sah auf die länger werdenden Schatten an den Wänden und schüttelte den Kopf. »Energie schon, aber ich muss nach Hause.«

»Du wohnst auf den Klippen?«

»Ja, das ist ’ne gute Ecke Weg.«

»Verstehe. Aber wir sehen uns wieder, ja?«

»Auf jeden Fall.«

Jill sah ihn mit strahlenden Augen an und Nathaniel fühlte ein Kribbeln im Magen, das er sich nicht erklären konnte.

Kapitel 2

Alles in Nathaniel sträubte sich, als er in sein Viertel zurückkehrte. Die Welt auf den Klippen, die der Stadt ihren Namen gegeben hatten, bildete einen harten Kontrast zu den Lost Places des Industriegebietes. Dabei lagen sie so nah aneinander. Man musste nur die Straße herunterfahren.

Die Grashalme der Vorgärten waren auf die gleiche Länge getrimmt und die Rasenkanten sahen aus wie mit der Schere geschnitten. Wenn es denn überhaupt Grün vor den Haustüren der Bungalows gab. Die meisten Anwohner hatten sich für die deutlich pflegeleichteren Steingärten entschieden.

In Seattle sangen zu dieser Jahreszeit die Vögel in den Hecken, um nach einem Partner zu suchen. Die Bienen schwirrten um die ersten Blumen herum und sammelten Nektar für ihre Stöcke. Aber hier hatte Nathaniel sie noch nie gesehen. Außer dem Rauschen der Wellen, die gegen die Klippen schlugen, einem Motorrad, das in der Ferne startete, und dem Geräusch des wasserspeienden Frosches in dem Vorgarten direkt neben ihm war nichts zu hören.

Nathaniels Mutter hatte sich gegen alle Widerstände ihres Mannes durchgesetzt und auf einer Seite der Ausfahrt eine Rasenfläche angelegt, die bis hinter das Gebäude zog. Vor dem blickdichten Zaun hatte seine Mutter Kletterrosen angepflanzt, von denen sie sich erhoffte, dass sie ihn in ein paar Jahren bedeckten. Eine Ecke hinter dem Haus hatte sie für Wildblumen, ein Insektenhotel und ein Vogelhäuschen reserviert. Bisher war beides unangetastet geblieben.

Nathaniel verstand die Tiere. Wenn er ihre Freiheit gehabt hätte, würde er hier auch nicht leben wollen.

Das hohe Eisentor vor der Hofeinfahrt stand offen und auf die Rasenfläche neben dem Haus fiel ein heller Lichtschein durch die verglaste Front. Die Hoffnung, dass sein Vater am Abend noch einen Termin hatte, war dahin. Nathaniel holte den Schlüssel aus seiner Hosentasche, da öffnete sein Vater ihm auch schon die Haustür, als hätte er den ganzen Abend ungeduldig auf den Monitor der Überwachungskamera gestarrt. Nathaniel rief sich das Bild von Jill ins Gedächtnis. Er dachte daran, wie viel Leichtigkeit in ihren Bewegungen lag. Ihr Lachen, das ihm den kurzen Moment geschenkt hatte, in dem er sich so befreit von dem Mist hier gefühlt hatte.

»Kommst du also auch mal nach Hause.«

Nathaniel spürte einen kräftigen Luftzug im Nacken, als sein Vater die Tür hinter ihm zuschlug, kaum dass er das Haus betreten hatte.

»Ich kann auch auf der Terrasse schlafen, wenn dir das lieber ist«, murmelte er.

Seine Mutter stand an der Wohnzimmertür und hatte die Hände an den Rahmen gelegt. Ihr Blick flehte ihn an, jetzt keinen neuen Streit zu beginnen. Den Gefallen wollte er ihr gerne tun und passierte seinen Vater wortlos.

Der packte ihn an der Schulter und zwang ihn so, sich umzudrehen.

»Wie siehst du überhaupt aus?« Er musterte ihn. Die verschwitzten Haare, der Staub an Nathaniels Kleidung und die Blessuren, die er davongetragen hatte.

Nathaniel schaute auf, direkt in die rotbraunen Augen seines Vaters. Die Unruhe, die er beim Training abgebaut hatte, kehrte mit einem Schlag zurück. Die Mundwinkel seines Vaters zuckten voller Zufriedenheit. Er genoss es, wenn Menschen zu ihm aufschauten. Und wenn es nur war, weil sie einen Kopf kleiner waren als er.

»Ich habe dir gesagt, dass mit diesem sinnlosen Gehopse Schluss ist.« Die Aggressivität in seiner Stimme stieg auf ein kritisches Level. Schneller als noch am frühen Nachmittag.

»Du bist ohne Vorwarnung mit uns in eine andere Stadt gezogen. Warum sollte ich jetzt auf dich Rücksicht nehmen?«

»Du willst dein wertloses Hobby über meine Karriere stellen? Was glaubst du, was die Leute sagen, wenn sie dich so sehen?«

»Ich bin nicht deine Marionette für ein perfektes Bild.« Er wich einen Schritt zurück, sein Vater setzte ihm nach und baute sich vor ihm auf.

»Wenn du wieder einen Skandal auslöst …«

»Den hast du angefangen und ich würde es jederzeit wieder tun.«

Sein Vater hielt ihm den erhobenen Zeigefinger vor das Gesicht. »Du bewegst dich auf dünnem Eis, Nathaniel. Noch ein Fehltritt von dir und du wirst sehen, dass ich ganz andere Möglichkeiten habe, um dich zu einem anständigen Mann zu machen. Es gibt genug Internate, die sich auf verkommene Jugendliche spezialisiert haben.«

»Anständig? Meinst du damit eine Kopie von dir? Hast du nur einmal überlegt, dass es hier nicht nur um dich geht? Das ist mein Leben.«

Hatte er sich nicht geschworen, seinen Vater nicht zu provozieren? Jetzt waren sie am gleichen Punkt wie vor ein paar Stunden. Nur hielt Nathaniel diesmal seinem Blick stand.

»Schluss jetzt!« Seine Mutter schaltete sich ein und schob sich zwischen die beiden. »Nathaniel, geh auf dein Zimmer und beruhige dich.«

Mama. Dass sie ihn wieder aus der Situation retten musste, tat weh und gleichzeitig war er ihr unendlich dankbar, dass sie auf seiner Seite stand. Er ging an seinem Vater vorbei, zum Ende des Flures in sein Zimmer.

»Was mischst du dich ein?«, hörte er seinen Vater, jetzt zum Glück etwas ruhiger. Der Gedanke, wie er vor der zierlichen Gestalt seiner Mutter stand, bereitete Nathaniel Magenschmerzen.

»Wo hätte das enden sollen, Baron? Wolltet ihr euch prügeln?«

Es folgte eine Stille, dann hörte Nathaniel hastige Schritte auf den Fliesen. Sein Vater ging an seinem Zimmer vorbei und zog sich in den Keller zurück. Dort hatte er sich ein kleines Fitnessstudio eingerichtet.

Er trainiert sich die Wut ab. Warum sind wir uns in einigen Dingen so ähnlich? Ich will das nicht. Ich will nicht wie er sein.

Reichte es nicht, dass er so viel von dem Aussehen seines Vaters vererbt bekommen hatte? Die braunen Haare, die Augen mit leicht rötlichem Braunton.

»Nathaniel?« Seine Mutter klopfte an die Tür.

Er ließ sie herein. »Danke, dass du dazwischengegangen bist.«

Sie strich sich eine blonde Strähne hinter das Ohr und legte ihrem Sohn die Hände auf die Schultern. »Ich stimme dir in allem zu, was du gesagt hast, aber bitte halte dich zurück.«

»Bis nichts mehr von mir übrig ist?«

»Nein, nur bis sich die Lage beruhigt hat. Vielleicht wird es dann wie in Seattle.«

»Glaubst du daran?«

Ihre Lippen bebten leicht, als sie den Kopf schüttelte. »Aber ich hoffe.« Ihre Stimme zitterte. Dann drehte sie ihm den Rücken zu und kehrte auf den Flur zurück. Leise zog sie die Tür hinter sich zu. Er biss sich auf die Lippen, als er die erste Träne aus heißer Wut in seinem Auge spürte. Er wischte sie mit dem Handrücken weg, dann ging er in das Bad nebenan.

Auf der Spiegelablage lag seine Brille. Mit routinierten Griffen nahm er die Kontaktlinsen heraus und legte sie zurück in ihren Behälter. Die Welt um ihn herum verschwamm zu einem Brei aus Farben. Nur widerwillig setzte er die Brille auf, vermied den Blick in den Spiegel und ging zurück in sein Zimmer. Seine Augen waren trocken und brannten. Er hatte die Zeit, die er die Linsen vertrug, mehr als ausgereizt. Aber sie gaben ihm die Möglichkeit, sich optisch, neben den langen Haaren, weiter von seinem Vater abzugrenzen. Und gerade an Tagen wie heute brauchte er das. Denn es würden wieder Zeiten kommen, in denen man ihm sagte, wie ähnlich er ihm doch sah. Gerade die Augen.

Nathaniel verließ das Bad und sah sein Handy auf dem Schreibtisch liegen. Das Display war zerkratzt und hatte einen Sprung in der oberen Ecke. Er konnte nicht mehr zählen, wie oft es ihm heruntergefallen war. Aber es funktionierte noch und so sah er keinen Grund für ein neues. In dem Moment leuchtete es auf.

Jill, sie hat mir geschrieben.

Ihr Profilbild, das bei der Kontaktanfrage auf dem Schirm zu sehen war, schubste den Streit mit seinem Vater in die hinterste Ecke seines Bewusstseins. Es musste schon etwas älter sein. Darauf hatte sie wirklich noch eine Frisur wie Trinity, wenn ihn seine Erinnerungen nicht ganz im Stich ließen, waren ihre Haare jetzt etwas länger.

 

Jill: Wir treffen uns morgen Nachmittag. Hast du da Zeit?

 

Nathaniel: Klar, ich kann ab 15.30 Uhr da sein.

 

Jill: Das passt gut. Bis morgen.

 

»Hoffentlich ein besserer Tag als heute.« Er ließ sich auf sein Bett fallen und starrte auf ihr Bild. Bei ihr lachte nicht nur der Mund, auch ihre Augen strahlten mit. Genau wie heute Nachmittag.