Leseprobe: Noch einmal tanzen
»Gute Nacht, schlafen Sie gut. Wir sehen uns morgen.« Max schloss leise die Tür und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand daneben.
Auf der Station kehrte allmählich Ruhe ein. Die Bewohner, die noch selbstständig zum Essen gehen konnten, waren auf ihre Zimmer zurückgekehrt. Die Tabletts derjenigen, die auf der Station blieben, standen wieder im Servicewagen.
Max drehte den Kopf zu der Uhr, die in der Mitte der Station von der Decke hing. Es war kurz nach 18 Uhr.
Am Ende des Flurs kam Fiona aus einem der Zimmer. Sie legte die Hände in den unteren Rücken und beugte sich dabei leicht nach vorne.
Sie muss noch bis zehn, dachte Max.
In einer Stunde konnte er nach Hause und Fiona blieb allein zurück. Als einzige Kraft für zwei Stationen. Sie stand kurz vor der Sechzig und war erst vor wenigen Wochen aus einer Reha zurückgekehrt. Eigentlich sollte sie es langsam angehen lassen und zunächst die weniger körperlich anstrengenden Arbeiten übernehmen. Tabletten stellen, Essen reichen und unterstützende Arbeiten. Gute Vorsätze, die an den eintreffenden Krankmeldungen scheiterten. Das Norovirus ging im Heim um. Unter den Bewohnern, aber auch unter dem Personal.
Bei jedem Zwicken im Bauch befürchtete Max, dass er der Nächste sei, der in den folgenden Tagen die Toilette umarmen durfte. Bisher war er verschont geblieben.
Er ging zu Fiona, die noch immer ihren Rücken massierte. »Wo kann ich dir noch helfen?«
Ihr Lächeln war eine Mischung aus Dankbarkeit und unterdrücktem Schmerz. »Du könntest Frau Steinkamp in Zimmer 317 ins Bett begleiten. Sie ist schon hundertvier, leicht dement, aber sehr lieb. Sie kann das meiste noch allein. Du müsstest ihr nur die Kompressionsstrümpfe ausziehen.«
»Ist das nicht was für dich?«
Fiona schüttelte den Kopf. »Schenke ihr etwas Zeit.«
Zeit … Max verstand sofort, worauf sie hinauswollte. »Ja, mache ich.«
»Du solltest wirklich überlegen, ob du später nicht in die Pflege gehen möchtest. Der Frühdienst hat mir erzählt, dass die Bewohner häufiger nach dir gefragt haben. Die haben dich schon richtig ins Herz geschlossen.«
Ja, weil ich mir Zeit nehmen darf, dachte er, sagte aber nichts. Fiona hatte ihm schon bei ihrer ersten gemeinsamen Schicht erzählt, wie sehr es sie belastete, die Bewohner wie am Fließband zu versorgen, weil sie nur auf diesem Wege die Grundpflege schaffen konnte.
»Ich glaube, das ist nichts für mich«, antwortete er ausweichend.
»Du kannst ja noch mal darüber nachdenken.«
Er erwiderte nichts. Keine zehn Pferde würden ihn in diesen Beruf bringen. Nicht wegen der Arbeit an sich. Es waren die Umstände, die ihn davon abhielten. Allein, dass er ohne Ausbildung oder echte Anleitung einfach auf die Bewohner losgelassen wurde, kam ihm falsch vor. Den Pflegekräften machte er keinen Vorwurf. Es war das System, das sie zwang, so zu arbeiten.
»Ich gehe dann mal zu Frau Steinkamp.«
»Mach das, danach kannst du nach Hause.«
Das Zimmer der alten Dame lag am Ende des Flurs. Es war eines der wenigen Einzelzimmer, die es auf der Station noch gab.
Er klopfte.
»Ja, komm nur rein.«
Er öffnete die Tür. Die alte Dame saß in einem Sessel. Eine bunte Decke lag über ihren Beinen. Auf dem niedrigen Tisch stand ein Korb mit Wolle, aus der sie mit ihren von Arthrose gezeichneten Händen einen Socken strickte. Eine zweite, fertige Socke hing über dem Henkel des Korbes.
»Guten Abend, ich heiße Max. Fiona hat mich gebeten, Sie bei Ihrer Abend …«
»Du willst mich ins Bett bringen, richtig?«, fiel sie ihm ins Wort und legte das Strickzeug beiseite. Sie schob ihre Brille auf den Kopf, musterte ihn aufmerksam und blinzelte mehrfach.
»Ja, so ist es.«
»Ich bin eigentlich noch gar nicht müde und wollte den Socken heute noch fertig bekommen. Weißt du, in meinem Alter steht der Sensenmann schon an der Tür und wartet auf den richtigen Moment.«
Solche Aussagen hatte Max schon mehrfach gehört. »Wie ein Kind um 18 Uhr ins Bett«, hatte der Bewohner vor Frau Steinkamp geschimpft. Max konnte das gut nachvollziehen. Das Abendessen wurde um 17 Uhr ausgeteilt, und eine Stunde später begann die Abendroutine auf der Station: Waschen, Zähneputzen, teils Eincremen, wenn gewünscht, und dann das Umziehen. Für viele der alten Menschen zu früh.
»Aber ich weiß, dass du nur deine Arbeit machst«, sagte Frau Steinkamp. Sie griff nach ihrem Stock und stand auf. »Da staunst du aber, was?« Sie grinste ihn an, als hätte sie gerade einen Apfel aus dem Garten der Nachbarn geklaut. »Die alte Frau hat noch richtig Schwung drauf.«
»Ehrlich gesagt habe ich mir gar nichts gedacht.« Er rieb sich den Nacken.
Auf ihren Stock gestützt, tippelte sie in Richtung Bad. »Du bist neu hier, oder? Ich habe dich zumindest noch nie zuvor gesehen.«
»Ja, seit zwei Wochen.«
»Lehre oder nur mal ausprobieren?«
»Sozialstunden«, erwiderte er knapp.
Frau Steinkamp blieb stehen. »Was hast du getan? Eine Tankstelle überfallen, jemanden vom Rad geschubst oder«, sie drehte sich ganz langsam zu ihm um, »hast du jemanden umgebracht?«, fragte sie in einem düsteren Ton.
»Nein, natürlich nicht!«, rief er empört.
Sie lachte. »So siehst du auch nicht aus.«
