Leseprobe: Heal the Game Band 1

Kapitel 1

»Diese virtuelle Kälte fühlt sie sich verdammt echt an.« Lena rieb sich über die freien Oberarme und zog den knielangen Umhang fest um sich.

»Du kannst in den Einstellungen jederzeit die Wirkung der Umwelteinflüsse anpassen.«

Lena schaute herunter. »Ah, Patch. Du bist ja auch hier.«

Der USB-Kabel ähnliche Schwanz der roten Katze formte ein Fragezeichen. »Möchtest du keine weitere Unterstützung von mir erhalten?«

»Doch!«, erwiderte Lena hastig. »Lass mich hier bloß nicht allein.«

Der schneidende Wind formte aus dem Staub der Ebene kleine Windhosen. Sie tanzten umeinander, stießen zusammen und verschmolzen zu größeren Formen. Mit jeder Böe jagten sie wie Raubtiere über das karge Land der Dunkelalben, verschlangen die Sandkörnchen auf ihrem Weg, bis sie an den Felsen ihr Ende fanden.

Lena drehte sich einmal um ihre eigene Achse. Ihr Charakter war auf einer Anhöhe gespawnt, von der aus sie einen guten Blick über die Ebene hatte. Hohe Felswände umschlossen die Hauptinsel der Dunkelalben am nördlichsten Punkt dieser Welt. Der einzige Zugang zum Meer führte über einen schmalen Küstenstreifen direkt vor ihr.

Lena verengte die Augen. Zwischen dem trostlosen Grau in allen Schattierungen erkannte sie gleichförmige Strukturen an der Küste.

»Ist das eine Stadt?«

»Ja.«

Grundsätzlich fand sie diese Form der Unterstützung angenehm. Die KI-Katze hatte sie durch die Erstellung ihres Charakters geführt. Die ersten Schritte in dem Spiel nicht alleine gehen zu müssen, war auch eine gute Sache. Aber Patch antwortete nur auf das, was Lena aussprach. Nicht auf das, was sie dachte.

»Kannst du mir mehr über diese Stadt erzählen?«

»Es ist die einzige Stadt mit einem Zugang zur Küste. Da sich die Dunkelalben hauptsächlich vom Fischfang und dem ernähren, was das Meer zu bieten hat, stechen von dort aus die Fischerboote in See. Außerdem dient der Hafen dem Austausch mit den wenigen Bewohnern, die auf den vorgelagerten Inseln als Wachposten leben.«

»Dann wird das wohl der Ort sein, den ich mir ansehen muss.« Lena warf einen kurzen Blick zu den Seiten. »Andere Möglichkeiten sehe ich hier gerade nicht.«

»Das ist eine gute Schlussfolgerung.«

»Dann lass uns gehen.«

Das Geröll knirschte unter ihren Stiefeln und sie spürte die Steinchen bis in die Fußsohlen. Es roch nach dem Meer, gemischt mit einem Hauch von Schwefel. Vermutlich von den beiden kleinen, aktiven Vulkanen auf den Inseln rund um das Hauptgebiet.

Diese ganze virtuelle Welt wirkte vollkommen real. Selbst der Staub, den sie in die Augen bekam, war ebenso nervig wie im echten Leben. Lena sah an sich herab. Ein Körper, der nicht ihr eigener war und sich dennoch so anfühlte. Sie konnte laufen, springen und, laut Patch, schmecken, wenn sie etwas aß oder trank. Natürlich, wenn sie den Geruch der Umgebung wahrnahm, warum dann nicht auch Geschmack? Strich sie über ihre gräulich-violette Haut, spürte sie feine Härchen, die sich in der Kälte aufstellten. Fuhr sie sich durch das dichte, schwarze Haar, blieben ihre Finger in den vom Wind verknoteten Strähnen hängen.

Die eisige Luft machte sich mit einem leichten Brennen in den Lungen bemerkbar. Sie spürte sogar einen Herzschlag. Faszinierend, aber auch irgendwie irritierend.

Lena hatte die Beschreibung der VR-Brille genau gelesen. Sie war davon überzeugt gewesen, verstanden zu haben, wie das hier funktionierte: Die Brille war mit den Elektroden in der Haube verbunden. Diese schickten Reize an ihr Gehirn, dem diese Welt dann als Realität vorgespiegelt wurde. Und das alles, während Lena mit geschlossenen Augen auf ihrem Bett lag.

Sie hatte erwartet, ihren realen Körper weiterhin wahrzunehmen. Aber das war nicht der Fall.

»Das ist alles so … unglaublich.« Sie hielt sich die Hand vor das Gesicht und bewegte ihre Finger. »Alles fühlt sich so echt an und gleichzeitig weiß ich, dass es nur Daten sind.«

»Deine Verwunderung deckt sich mit den Erfahrungen vieler Spieler. Fast alle, die das erste Mal Full-VR spielen, sind von den Eindrücken überwältigt«, sagte Patch.

Lena blieb stehen und ging vor der Katze in die Hocke. Der Wind ließ das dichte Fell in Wellen über ihren Körper laufen. »Es beruhigt mich, dass es anderen ähnlich geht.«

»Es freut mich, dass ich dir bei der Verarbeitung deiner Sorgen helfen konnte.«

»Ja, das hast du.« Sie streichelte Patch über den Rücken.

Die Katze schnurrte und machte einen Buckel.

»Du bist ja wie eine echte Katze.«

»Das Schnurren von Katzen wirkt laut Studien beruhigend auf Menschen. Deswegen wurde es bei der Programmierung der Support-KI übernommen. Da der Spieler direkt im Geschehen ist, können die gesamten Eindrücke emotional belastend werden.«

»Das macht Sinn.« Lena richtete sich auf. Sie konnte sich gut vorstellen, wie die trostlose Umgebung auf die Stimmung drücken konnte. Patch hatte sie bereits bei der Wahl ihres Volkes davor gewarnt, bei den Dunkelalben keine »Happy Welt« vorzufinden, und ihr stattdessen die Waldalben empfohlen. Ein Volk, das für Anfänger deutlich geeigneter war.

»Du, Patch, wo ist eigentlich mein Schwert?«

»Deine Waffe erscheint automatisch, sobald du dich in einem Kampf befindest. Möchtest du sie dauerhaft bei dir tragen, kannst du das im Charaktermenü einstellen.«

»Und wie komme ich in dieses Menü?«

»Um es aufzurufen, öffnest du vor dir eine Faust. Die Bedienung funktioniert dann wie auf einem Smartphone oder Tablet.«

Lena hielt die gefaustete Hand vor ihr Gesicht und spreizte die Finger. Eine halbtransparente Fläche tauchte vor ihr auf.

»Charakter, Inventar, Karte, Einstellungen, Ausloggen«, las sie die Punkte. Sie tippte auf »Charakter«, woraufhin sich ein weiteres Fenster öffnete. Es zeigte ihre Dunkelalbe. Daneben war eine Reihe von Icons für die einzelnen Ausrüstungsplätze. Bisher trug sie nur an Brust, Beinen, Händen und Rücken etwas. Die übrigen Slots, wie Handgelenke, Schultern und Kopf, waren noch ausgegraut.

»Das muss es sein: Waffen- und Schildhand dauerhaft anzeigen.« Lena tippte auf das Feld unter der Schwertanzeige. Sofort erschien an ihrer Taille ein Schwert in einer Halterung.

»Du schließt das Menü, indem du deine Finger wieder zu einer Faust machst«, sagte Patch.

Lena blinzelte verwundert. »Ich hatte doch noch gar nichts gefragt.«

Patch setzte sich hin und hob eine Pfote. »Ich bin darauf programmiert, aus den Gesprächen und Handlungen des Spielers zu lernen. Ich analysiere deine Fragen und Reaktionen, um mich mit der Zeit besser auf dich einzustellen. In diesem Fall bin ich davon ausgegangen, dass du wissen möchtest, wie man das Menü schließt, nachdem du gefragt hast, wie man es öffnet.«

»Ich verstehe.« Lena schloss das Menü und zog das Schwert.

Die rote, durchscheinende Klinge erinnerte sie an Epoxidharz. Ranken mit Dornen und Blättern zogen sich in ihrem Inneren von der Spitze bis zur Parierstange und wanden sich von dort – diesmal zum Glück ohne Dornen – um den Griff, bis sie im Knauf in einer Rose endeten. Vorsichtig strich Lena über die breite Seite der Klinge.

Kalt wie Metall und es fühlt sich an wie Stahl. Aber es ist leicht.

Auf einem Mittelaltermarkt hatte sie einmal ein Schaukämpferschwert in der Hand gehalten, das in etwa die gleiche Größe gehabt hatte. Es war deutlich schwerer gewesen und sie hätte es nicht mit einer Hand führen können.

Lena machte einen leichten Ausfallschritt und schwang das Schwert ein paar Mal. Zunächst vorsichtig, dann mit mehr Kraft. Als sie es in einem weiten Bogen von unten nach oben bewegte, leuchtete die Klinge plötzlich weinrot und Staub wirbelte auf.

»Was war das?«

»Du verursachst mit jedem Treffer Schaden. Durch bestimmte Bewegungsabfolgen aktivierst du das Schwert und vervielfachst den Schaden.«

»Das heißt, ich muss eine Menge auswendig lernen.«

Patch schüttelte den Kopf, und die Puschel an ihren Ohren schwangen dabei mit. »Die Fähigkeiten ergeben sich größtenteils aus intuitiven Bewegungen im Kampf. Du wirst also nicht viel lernen müssen. Ich kann dir den Umgang mit dem Schwert in einem kleinen Übungskampf zeigen. Hier können jederzeit Gegner auftauchen. Da solltest du vorbereitet sein.«

Lena sah in alle Richtungen. »Aber hier ist nichts. Nur Geröll und Steine.« Eine dunkle Ahnung überkam sie. Sie betrachtete einen der Felsen, der etwa so groß war wie ein Altpapiercontainer. In seinen Vorsprüngen konnte sie ein Gesicht erkennen. »Wird der etwa gleich zum Golem?«

»Nein, noch nicht im Anfängergebiet«, beschwichtigte Patch. »Die VR-Brille ist zwar leistungsstark, aber sie hat ihre Grenzen. Gegner kannst du nur in einem bestimmten Radius wahrnehmen, und auch die Umgebung wird in der Ferne unscharf dargestellt, damit das Spiel flüssig läuft.«

»Ich verstehe.«

»Ganz genau. Möchtest du jetzt einen Übungskampf machen?« Patch sah sie aus großen, blauen Augen an.

Lena nickte. »Ja, bereite mich auf meinen Gegner vor!«

Die Katze sprang mit einem Salto zurück, wurde dabei von etwas umgeben, das Lena an die riesigen Seifenblasen auf Jahrmärkten denken ließ, die um Kinder hochgezogen wurden. Nur dass jene, die Patch umgab keinen Blick ins Innere zuließ. Dafür schimmerte sie in pastellenen Regenbogentönen.

Als sie den Boden berührte, platzte die Hülle, und Patch stand aufrecht auf zwei Beinen vor ihr. In voller Rüstung und mit einem Schwert in der Pfote. Alles war auf die Katze abgestimmt. Der Helm hatte Öffnungen für die Ohren, der Knauf des Schwertes war die Nachbildung eines Katzenkopfes und der Griff war mit Fell überzogen.

»Ich bin bereit«, rief Patch enthusiastisch und reckte die Klinge in den Himmel.

»Darauf muss ich erst mal klarkommen. Du siehst aus wie der gestiefelte Kater.«

»Du spielst ein Fantasyspiel, was hast du anderes erwartet?«

»Ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt etwas erwartet habe.«

»Dann fangen wir besser sofort an, bevor du dich im Grübeln verlierst.« Patch richtete ihre Ohren auf. »Zuerst greife ich dich an, und du blockst meine Schläge. Keine Sorge, wir machen langsam.«

»Na gut. Dann los!«

Patch trat einen Schritt zurück, um Anlauf zu nehmen. Selbst in ihrer aufrechten Haltung reichte sie Lena nur bis zur Mitte des Oberschenkels, sodass sie für den Angriff hochspringen musste. Für einen kurzen Moment wirkte es, als würde sie in der Luft schweben, während sie mit ihrer Waffe ausholte.

In den Filmen arbeiten sie immer mit ihrem ganzen Körper. Lena drehte den Oberkörper mit, um den Angriff mit Schwung abzufangen, und nutzte die Bewegung, um Patch von sich wegzustoßen. In dem Moment, als sich ihre Klingen berührten, öffnete sich die Blüte des Rosenknaufes ein Stück.

»Sehr gut.« Patch landete sanft auf ihren Pfoten und nickte anerkennend. »Du schlägst nicht nur aus der Hand oder dem Arm heraus. Das ist eine wichtige Grundlage.«

Patch griff noch ein paar Mal an und variierte dabei die Höhe der Schläge. Lena kam zunehmend in einen Flow. Anfangs hatte sie noch steif auf der Stelle gestanden, doch mit der Zeit entspannte sie sich und ihre Bewegungen wurden lockerer. Mal führte sie ihr Schwert einhändig, mal mit beiden Händen, und vertraute darauf, dass ihr Körper wusste, was er zu tun hatte.

Sie dachte an die epischen Kämpfe der großen Fantasy-Klassiker. Dort hatten die Duelle immer etwas von Tänzen: ein Gegeneinander, das auch zugleich ein Miteinander war. Wahrscheinlich sah das, was sie hier gerade mit Patch machte, für Außenstehende lächerlich aus. Trotzdem wollte sie dieses Gefühl eines ansehnlichen Kampfes für sich bewahren.

»Jetzt greif mich an!«, forderte Patch sie auf. »Und denk nicht zu viel nach. Das Spiel ist darauf ausgelegt, dass man keinen Master in Schwertkunst braucht.«

Bestimmt gehen sie trotzdem davon aus, dass hier Leute spielen, die schon ewig zocken. Nicht wie ich, mit zwei Stunden Mario-Kart-Erfahrung.

Lena machte erneut einen Ausfallschritt und nahm das Schwert zunächst in beide Hände. Sie brauchte etwas, an dem sie sich festhalten konnte. Doch ihre Bewegungen wirkten dadurch sperrig und unbeholfen.

Patch wartete geduldig ein paar Meter entfernt.

Lena löste eine Hand vom Griff. Sie zitterte. Ein Druck baute sich in ihr auf, als stünde sie für ein Referat vor der ganzen Klasse.

Das ist ein Spiel. Hier sind nicht einmal Menschen. Patch ist eine KI. Sie soll mir helfen. Ich wollte doch einfach nur Spaß haben. Jemand anderes sein.

Jemand anderes.

Als Lena sich für die Dunkelalben entschieden hatte, war dies keine Wahl aufgrund der Optik gewesen. Laut Infotext waren sie selbstbewusste, stolze Kämpfer, die sich an die widrigsten Umstände anpassten. Sie galten als unbeugsam. Ein Volk, das immer einen Weg fand.

Lena schloss die Augen und atmete tief ein.

Mein Name ist Askja. Schwertheilerin. Kämpferin. Und das wird meine Geschichte.

Sie öffnete die Augen. »Mach dich bereit, Patch!«

Sie stürmte los, holte mit dem Schwert aus und nahm dabei, wie schon zuvor, Schwung von unten. Die Klinge leuchtete auf. Die Schwerter prallten aufeinander, und Patch wurde zurückgedrängt.

Kaum hatte sie wieder Boden unter den Pfoten, ging sie in die Hocke und sprang vor. Lena parierte den Schlag und konterte direkt. Sie wiederholten es. Immer wieder. Mit jeder Bewegung wurde Lena sicherer und schneller. In ihrem Kopf nur ein Gedanke: »Ich bin Askja, das ist meine Geschichte.«

»Das reicht aus. Ich sehe, dass du die Grundlagen verstanden hast. Alles Weitere kommt dann mit der Zeit.« Rüstung und Schwert von Patch lösten sich auf und sie wurde wieder zu einer typischen Katze.

»Danke für das Training.« Verwundert betrachtete Lena den Knauf ihres Schwertes. »Die Rose ist doch jetzt ein Stück weiter geöffnet als vorher. Oder bilde ich mir das ein?«

»Nein, du hast soeben die Fähigkeit des Schwertheilers aktiviert.«

»Mit dem Schaden, den ich verursache, heile ich mich oder meine Gruppe«, wiederholte Lena, was Patch ihr bei der Klassenwahl erklärt hatte.

»Das ist richtig. Dreißig Prozent deines Schadens werden direkt in Heilung umgewandelt, weitere zwanzig Prozent sammeln sich als Magie in deinem Schwert. Sobald genug Energie vorhanden ist, kannst du größere Einzel- und Gruppenzauber wirken.«

»Und wie … Nein, warte. Erkläre es mir nicht. Ich finde das schon heraus, wenn es so weit ist.«

Sie drehte sich zur Küste. Jetzt, wo sie der Stadt näher war, konnte sie Rauchschwaden hinter der Mauer aufsteigen sehen. »Gehen wir weiter. Ich will wissen, was es dort zu sehen gibt.«

Entschlossen setzte Lena einen Fuß vor. Es knackte unter ihrer Sohle.

Sie zuckte zurück und starrte auf den Riss im Boden. Er war nicht besonders breit, aber er war da.

Lena kniete sich hin und steckte vorsichtig ihre Hand hinein. Sie passte gerade so durch die Öffnung und stieß direkt auf festen Boden. »Er ist nicht tief.«

Stirnrunzelnd betrachtete sie das Geröllfeld vor sich. Aus dieser Perspektive erkannte sie, dass der Boden an vielen Stellen von feinen Rissen durchzogen war, deren Ränder sich teilweise überlappten. Im Stehen wäre ihr das nie aufgefallen.

»Es gibt nur den Weg, oder?«, fragte sie die Katze.

»Das darf ich dir nicht verraten.« Patch ließ die Ohren hängen.

Lena strich ihr über den Kopf. »Das ist nicht schlimm. Spoiler sind sowieso blöd.«

Machte sie sich gerade Sorgen, die Gefühle einer KI zu verletzen? Bisher hatte sie kaum Kontakt mit solchen Programmen gehabt. Sie wusste aber, dass es Menschen gab, die sich mit KIs unterhielten, als säße jemand aus Fleisch und Blut irgendwo vor einem Bildschirm und antwortete ihnen auf ihre Fragen.

Zwar war Patch eine Support-KI, aber für Lena war sie wie eine Begleiterin. Und damit war sie Teil ihrer Geschichte.

Die Dunkelalbe und ihre Katze. Könnte ein ganz lustiger Fantasy-Roman werden. Lena stellte sich vor, wie sie mit Patch auf dem Cover abgebildet war. Sie standen auf einer Anhöhe: Patch in ihrer Rüstung und sie ganz entspannt daneben. Vielleicht hing sogar ein Wollfaden aus ihrer Tasche.

Lena schüttelte den Gedanken ab. Sie musste hier weiterkommen.

»Wenn wir da jetzt rübergehen, muss ich mir Sorgen machen, dass du in die Spalte fällst?«, fragte sie und stemmte sich hoch.

»Nein, du kannst dich ganz auf deine eigenen Schritte konzentrieren.« Patch neigte leicht den Kopf. »Aber ich finde es sehr nett, dass du an mich denkst. Das ist eine gute Voraussetzung für eine Heilerklasse.«

Vorsichtig setzte Lena einen Fuß vor und verlagerte ihr Gewicht darauf.

Wie viel wog so eine Dunkelalbe eigentlich? Sie waren etwas größer als die Waldalben und hatten realistischere Körperformen. Das andere Albenvolk war ihr schon grenzwertig schlank vorgekommen. Wobei die weiblichen Modelle extremer waren als die männlichen.

Wenn ich hier in den Boden einbreche, ist das vielleicht gewollt? Komme ich dann in einen unterirdischen Bereich? Das muss doch einen Grund haben.

Bei jedem Schritt knackte es bedrohlich unter Lenas Füßen. Mal legte sie damit einen schmalen Riss frei, mal brach nur die oberste Schicht weg. Man hatte sich Mühe gegeben, die Auswirkung der rauen Witterung einzubringen.

Ein Kreischen schnitt durch die Luft. Die feinen Haare in Lenas Nacken stellten sich auf.

Sie sah über die Schulter, weitete die Augen und warf sich zu Boden. Ein monströser Schatten zog über sie hinweg. Der Luftzug riss ihr den Umhang über den Kopf.

Lena blieb reglos liegen, hielt den Atem an und lauschte.

Doch nichts geschah. Sie hörte nur den Wind, der über das Geröllfeld wehte.

Vorsichtig tastete sie nach ihrem Schwert. Als sie sich auf die Lippen biss, schmeckte sie den Staub, der darauf lag. Den Teil hätten sie aus der Realität nicht übernehmen müssen.

Langsam schob sie den Umhang zurück. Pfoten kamen in ihr Blickfeld. Patch saß vor ihr und sah sie erwartungsvoll an.

»Was war das?« Sie setzte sich auf die Knie, suchte den Himmel ab und entdeckte, was sie da gerade als zweites Frühstück verspeisen wollte. »Ist das ne Krähe?« Sie zeigte auf den schwarzen Vogel, der sich mit ausgebreiteten Schwingen entfernte.

»Ja, so etwas in der Art.«

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