Racing Tea and Origami

Kilian fährt seine Debütsaison in der Formel 1 beim neu gegründeten Johnson-MA-Team. Dank glücklicher Umstände gelingt es ihm, mit dem unterlegenen Wagen direkt in den ersten beiden Rennen Punkte einzufahren. Doch jetzt fahren Kilian und sein Teamkollege dem Feld nur noch hinterher.
Die Kritik eines Reporters wird bei einem Interview persönlich. Kilians ungehaltene Reaktion schlägt sofort hohe Wellen in den Medien, und er zieht sich für den Rest des Tages zurück.
Am Abend kommt er ins Motorhome des Teams. Die junge Servicekraft Mila kennt ihn schon seit Jahren und weiß genau, dass er jetzt keine aufmunternden Worte möchte. Stattdessen bringt sie ihm einen Tee und faltet einen Origami-Kranich. Mit ihrer einfühlsamen Reaktion berührt sie sein Herz, und das nicht zum letzten Mal an diesem Rennwochenende.

Erscheint am 2.8.2024 -> Zur Vorbestellung auf Amazon

Leseprobe

1

MILA

Die Mitglieder der Catering-Crew waren morgens die Ersten und abends die Letzten, die sich im Motorhome des Johnson MA-Formel-1-Teams aufhielten. Der Trubel des Tages war vorbei, die Briefings abgeschlossen, die Interviews für die Presse gegeben und man hatte die Vorbereitungen für das morgige Rennen getroffen.

Mila öffnete den Geschirrspüler und räumte die Gläser in den Schrank. Ihr Rücken knackte, als sie sich streckte, um das oberste Fach zu erreichen. Die Kaffeemaschine gab ein Signal von sich, dass die Selbstreinigung abgeschlossen war. Mila füllte die Bohnen für die Frühschicht nach. Das Johnson-MA-Team befand sich in seinem ersten Jahr in der Königsklasse des Motorsports. Das Budget war gering und die kleine Mannschaft musste sich erst zu einem Team zusammenfinden.

Noch eine halbe Stunde, dachte Mila, dann kann ich abschließen. Sie war an diesem Wochenende in der Spätschicht eingesetzt, was ihrem Biorhythmus entgegenkam. Für Mila war es kein Problem, lange auf den Beinen zu sein. Frühes Aufstehen ließ sie den ganzen Tag in den Seilen hängen, was einem ihrer Kollegen aufgefallen war. Er hatte ihr daraufhin einen Tausch mit seiner Schicht angeboten. Als Lerche stand er mit Freude vor dem ersten Sonnenstrahl auf.

Während Mila das letzte Geschirr in die Maschine räumte, schwang die Automatiktür auf. Sandra, eine Mechanikerin, kam herein. Sie nickte Mila zu, die einen Kaffee vorbereitete, ehe Sandra den Tresen erreicht hatte.

»Du bist spät heute, selbst für deine Verhältnisse.«

»Hm«, machte Sandra. »Wir hatten eine Besprechung, die etwas ausgeartet ist.«

Der Geruch von frischem Kaffee zog durch den Raum. Mila stellte Sandra die Tasse hin.

»Danke dir.« Sandra trank einen großen Schluck und senkte die angespannten Schultern. »Du machst immer den besten Kaffee von allen.«

»Es ist dieselbe Maschine und die gleichen Bohnen, die alle anderen nutzen.«

»Dann ist es dein Lächeln, mit dem du ihn servierst.« Sandra zwinkerte ihr zu.

»Davon schmeckt der Kaffee nicht anders.«

»Ach Mila, jetzt nimm doch mal ein Kompliment an!«, rief die Mechanikerin mit leichter Verzweiflung.

»Das mache ich doch. Ich liebe nur deine Grimassen, wenn ich dich ein bisschen aufziehen kann.«

Sandra schob ihre Unter- über die Oberlippe, was Mila an Kermit den Frosch erinnerte, den sie als Kind geliebt hatte. Die Servicekraft lachte. »Genau das meine ich«, sagte sie und fügte dann mit ernsterem Ton hinzu: »Was gab es denn zu besprechen?«

»Das Treffen war nicht offiziell.« Sandra trank einen weiteren Schluck und schaute dann in ihren Becher, als wäre ihr geliebter Goldfisch darin verstorben. »Es war mehr ein«, sie schüttelte ratlos den Kopf, »ich weiß es nicht einmal. Frust von der Seele reden? Wir hängen ziemlich hinterher.«

»Vielleicht waren unsere Erwartungen nach dem guten Saisonstart zu hoch.«

Sandra schaute von ihrem Kaffee auf. »Das mag eine Rolle spielen. Wir hatten mit nichts gerechnet, und dann fährt Kilian direkt beim Debütrennen in die Punkte.«

Mila schob die Klappe der Spülmaschine mit der Hüfte zu. »Kilian, wie geht es ihm eigentlich?«

»Keine Ahnung, nach diesem Interview hat er sich nicht mehr blicken lassen. Ich kann ihn verstehen. Dieser Reporter ist komplett über das Ziel hinausgeschossen.« Sandra zog die Augenbrauen zusammen. »Wenn der mich vor dem Mikro gehabt hätte …«

Die Türen zischten leise. Ein Mann, am Anfang seiner Zwanziger, betrat den Raum.

»Oh, Kilian«, flüsterte Mila. Bei seinem Anblick zog sich ihr Herz zusammen. Mit nach unten gerichtetem, ausweichendem Blick kam er auf den Tresen zu.

»Er hätte sicher nichts gegen ein paar aufmunternde Worte.« Sandra schob Mila ihre leere Tasse zu. Im Vorbeigehen klopfte sie dem jungen Fahrer auf die Schulter und verließ dann die Kantine.

»Ich weiß, ich bin spät dran«, begann Kilian mit monotoner Stimme, was Mila gar nicht von ihm kannte. »Kannst du mir noch was zu essen anbieten? Ich nehme es mit, du musst nicht wegen mir …«

»Ein Salat mit Hähnchenstreifen, und wenn du möchtest, könnte ich dir ein Tamagoyaki[1] machen. Die Köche sind zwar schon weg, aber das bekomme ich hin.«

»Der Salat reicht, danke.«

»Suche dir einen Platz, die Auswahl ist gerade groß.«

»Sicher?«

»Ja, meine Schicht ist noch nicht vorbei und Essen sollte man nicht herunterschlingen.«

Kilian wandte sich von ihr ab. Er suchte sich den Tisch in der hintersten Ecke, der von zwei Pflanzenkübeln abgeschirmt war. Er nahm das Handy aus der hinteren Hosentasche und legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch.

So mitgenommen habe ich ihn noch nie gesehen. Ob das wirklich nur am Interview lag?

Milas Intuition sagte ihr, dass er in diesem Moment keine Unterhaltung oder aufmunternden Worte wollte, sondern einfach nur Ruhe. Sie nahm eine Tasse aus dem Regal und suchte das Teesortiment der Kantine durch. Als Halbjapanerin hatte sie darauf bestanden, ihren Gästen eine gute Auswahl an losen Tees anbieten zu können. Sie entschied sich für eine Mischung aus Kamille, Melisse und Minze, die sie in einen Beutel füllte und mit heißem Wasser übergoss. Während der Tee zog, faltete sie aus einer Serviette mit Origamitechnik einen Kranich.

Sie richtete den Tee, den Salat und den Kranich auf einem Tablett an und brachte es zu Kilian. »Bitte, guten Appetit.«

»Tee?« Er sah auf.

Seine braunen Augen, die sonst ein schelmisches Funkeln innehatten, waren ausdruckslos.

»Auf Empfehlung des Hauses«, antwortete sie. »Für einen guten Schlaf.«

Kilian rang sich ein Lächeln ab. Die Fältchen, die sonst seine Mundwinkel dabei umspielten, zeigten sich nicht.

»Lass dir alle Zeit, die du brauchst.«

Mila kehrte zum Tresen zurück, wischte die Oberflächen ab und warf immer wieder kurze Blicke zu Kilian. Soweit sie es durch die Blätter der Pflanzen sehen konnte, stocherte er mehr in seinem Essen, als dass er wirklich etwas mit der Gabel zum Mund führte.

Sie knetete das Handtuch. Hätte ich was sagen sollen?

Kilian fuhr sich durch die hellbraunen Haare und vergrub das Gesicht in den Händen. Mila kannte ihn seit seinen Formel-2-Zeiten. Sie hatte damals bei Williams gearbeitet, für die er als Ersatzfahrer eingesetzt war. Die beiden hatten sich öfter unterhalten, meist wenn Mila auf dem Weg zur Kantine gewesen war und Kilian unterwegs getroffen hatte. Kurz nachdem sie ihren Vertrag bei Johnson-MA unterschrieben hatte, verkündete das Team, dass sie das Ausnahmetalent aus Österreich ins Boot geholt hatten.

Mila hatte ihn immer als aufgeschlossenen, zielstrebigen und vor allem fröhlichen Menschen wahrgenommen, an dem alles Negative abzuprallen schien. In einer solchen Verfassung wie jetzt hatte sie ihn noch nie erlebt.

Mit der regulären Schließzeit stand Kilian auf und brachte Mila das Geschirr zurück. Er hatte die Hähnchenstreifen aus dem Salat gepickt und ein paar Paprikastücke. Der Tee war, zu Milas Freude, leer.

»Danke, du hättest das Tablett stehen lassen können.«

Kilian zeigte auf den gefalteten Kranich. »Darf ich den mitnehmen?«

Sie nickte hastig. »Natürlich, ich würde ihn nur wegwerfen.«

»Es wäre schade drum«, sagte er und drehte ihr den Rücken zu. »Gute Nacht und danke, Mila.«

»Gute Nacht, Kilian.« Sie sah ihm nach, bis er die Kantine verlassen hatte.

2

KILIAN

Kilian stellte den Kranich auf seinem Nachttisch im Hotel ab und legte sein Handy daneben. Wieder mit dem Display nach unten. Mila war zur Hälfte Japanerin und kannte sicher die Geschichte rund um den gefalteten Kranich und die Legende, die dahintersteckte.

»Hoffnung«, murmelte Kilian. Er zog die Schuhe aus und ging ins Bad, wo er den Spiegel mit seinem Handtuch verdeckte. Er konnte sein Ebenbild darin nicht ertragen, das ihn anklagte, wie er nur derart unprofessionell auf die Frage des Reporters hatte reagieren können.

Er drückte die Zahnpasta aus der Tube, und seine Wut auf sich selbst führte dazu, dass ein großer Klecks rosa Paste im Waschbecken landete. Er spülte ihn fort und putzte sich mit dem Teil, der auf der Bürste gelandet war, die Zähne. Eine Handvoll kaltes Wasser im Gesicht später und er verließ das Bad.

Nach dem Saisonstart hatte man viel Hoffnung in Sie gesetzt und nun wieder ein enttäuschendes Qualifying. Was ist Ihre Strategie, um Ihre Leistungen zu verbessern?

Kilian sank auf das Bett. Der gehässige Unterton des Reporters hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt und schallte seitdem wie ein Echo in seinem Kopf wider. Jetzt, da er die Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken, war ihm klar, dass er das Interview an diesem Punkt hätte abbrechen müssen.

Ich werde an mir arbeiten, ebenso wie das Team es am Wagen tut. Als junges Team müssen wir alle viel lernen. Wir verstehen das Verhalten des Autos mit jeder gefahrenen Runde besser, die Zeit wird es bringen, hatte seine Antwort gelautet und damit war alles gesagt, was gesagt werden musste.

Der Reporter hatte das anders gesehen und weiter nachgebohrt. Er war auf die Überraschungserfolge aus den ersten beiden Rennen der Saison eingegangen, bei denen Kilian jeweils einen Punkt für das Team einfahren konnte. Er, der Rookie, und nicht der deutlich erfahrenere Francis, sein Teamkollege.

Kilian war bewusst, dass für diese Ergebnisse eine gehörige Portion Glück verantwortlich gewesen war. Ausfälle, Safety-Car Phasen, die genau im richtigen Moment kamen und ein Platzregen hatten dem Team in die Hände gespielt. Das hatte er dem Reporter gesagt.

Wenn Sie Ihre bisherigen Erfolge auf die äußeren Umstände zurückführen, fühlen Sie sich wirklich schon bereit, als junger Fahrer Entwicklungsarbeit für ein neues Team zu leisten?

Das war der Moment gewesen, in dem das Interview die sachliche Ebene endgültig verlassen hatte.

Von außen ist es immer leicht, über die Performance von Fahrern und Team zu urteilen. Dabei ist es ein komplexes Thema, das sich ohne Hintergrundwissen der Materie nur schwer einschätzen lässt. Wäre es so einfach, wie es scheint, dann hätten wir bereits ein Auto, das um Siege mitfahren würde.

Es war die Wahrheit gewesen und vielleicht hätte das Ganze nicht so eine Welle gemacht, wenn Kilian sich, ebenso wie der Reporter, nicht im Ton vergriffen hätte. Die ersten Schlagzeilen waren nur wenige Minuten später auf den Motorsportportalen aufgetaucht.

»Nachwuchstalent Kilian Zach reagiert ungehalten auf Fragen.«

Das war sicher noch die netteste Überschrift gewesen. Alle weiteren hatte Kilian gar nicht mehr gelesen. Ihm war bewusst, wie schnell sich solche Aussagen hochschaukelten und wie gerne sich die Portale mit Formulierungen überboten, um noch ein paar Klicks mehr zu generieren. Wie viele am Ende den ganzen Artikel lasen, stand dabei auf einem anderen Blatt.

Außerdem hatte er etliche Nachrichten von Verwandten und Freunden bekommen, was mit ihm los sei, ob alles in Ordnung war oder ob der Druck zu groß für ihn wurde. Menschen, die sich seit Monaten nicht mehr gemeldet hatten, waren aus ihren Löchern gekrochen, um ihre Sensationslust zu befriedigen.

Mach dir keine Gedanken deswegen. Wir stehen hinter dir, hatte Teamchef Johnson mehr als einmal versichert und betont, dass er das Verhalten des Reporters verurteilte.

Soweit Kilian es mitbekommen hatte, hatte Johnson dieses Statement in einem Interview wiederholt.

Nur wie lange stand man noch hinter ihm? War seine Zeit in der Formel 1 vielleicht schneller vorbei, als es ihm lieb war, wenn er nicht bald wieder Erfolge vorwies?

Kilian starrte die Decke an.

Es stimmte, seine Leistungen entsprachen nicht den Erwartungen. Schon gar nicht seinen eigenen.

Deutlich später als viele andere Fahrer hatte Kilian mit dem Motorsport begonnen. Die meisten saßen bereits mit sechs Jahren im Kart. Er hatte mit zehn begonnen und dann eine steile Karriere hingelegt. Von den Kartmeisterschaften stieg er in den Formelsport auf, marschierte durch die Klassen und erhielt schließlich seine Superlizenz. Zunächst schien es, als gäbe es für ihn kein freies Cockpit und er müsste ein Jahr als Reservefahrer bei Williams warten. Dann sprang dem Johnson MA-Team ein bereits gesetzter Fahrer ab und der Weg für Kilian wurde frei. Er galt als Naturtalent, bei dem man nur zu gerne vergaß, wie viel Arbeit hinter all dem steckte.

Die Erwartungen von außen an seine erste Formel-1-Saison waren hoch gewesen. Alle Versuche, diese zu drosseln, vergebens. Man wollte nicht hören, dass sich dieses Team im Aufbau befand, dass man lernen und zusammenwachsen musste. Man sah nur seinen bisherigen Werdegang, nicht aber die derzeitigen Umstände.

Kilian drehte sich auf die Seite und sein Blick fiel auf den Kranich.

»Mila, du hast als Einzige kein Wort darüber verloren«, murmelte Kilian.

Er streckte die Hand nach dem Kranich aus und strich über einen der Flügel. Er hätte gerne mehr auf ihre Geste reagiert, als ihr nur das Tablett an den Tresen zu bringen.

 Tee für einen guten Schlaf. Er fragte sich, ob sie wirklich den Nachtschlaf gemeint hatte oder ihm helfen wollte, dass sich seine Gedanken endlich zur Ruhe begaben. Er war ihr für beides dankbar.

[1]   japanisches Rührei

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