Kapitel 9

Die Stimmen des Waldes addierten sich in Hafrens Kopf zusammen, als stände sie in einer Menschenmenge, in der alle wild durcheinander sprachen. In unterschiedlichen Lautstärken. Die einen schrien, andere flüsterten, nuschelten, wieder andere waren so schnell, dass Hafren Angst hatte, sie könnten sich daran verschlucken und ersticken.

Aber eines hatten sie alle gemeinsam. Sie waren unverständlich und doch nicht fremd.

Wie konnte ich nur glauben, es kontrollieren zu können?

Hafrens eigene Gedanken waren nicht mehr als ein weiteres Flüstern, dass sich unter die anderen mischte. Alles, was sie sonst noch über ein paar Tage gerettet hatte, wenn ihre Kraft nachgelassen und sie kurz davor gewesen war, bewusstlos zu werden, funktionierte hier nicht. Oder nur so begrenzt, dass sie die Stimmen lieber durchließ und sich ihre Energie dafür aufsparte dem holprigen Weg zu folgen. Wenn es sich dabei überhaupt um einen Weg handelte. Laut Neasa war dies der Fall.  Es sollte der Pfad gewesen sein, auf dem man Waren aus der Elfenstadt zu den Menschen gebracht hatte. Hafren zweifelte mit jedem weiteren Schritt daran.

Der Boden war so uneben, ständig trat sie in Senken hinein, die sie unter dem Moos und Flechten im ersten Moment nicht bemerkt hatte. Sicher hatten die Pflanzen in den letzten zwei Jahren ungehindert wuchern können, aber es wirkte auf sie so, als hätten sie es darauf angelegt, diesen Weg verschwinden zu lassen. Vorausgesetzt Neasa hatte sich nicht geirrt.

Hafren stolperte, als ihr Fuß an einer hochstehenden Wurzel hängenblieb. Es gelang ihr noch, sich an einem Baumstamm aufzufangen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Neasa. Ihre Stimme klang dumpf unter der Maske und das machte es noch schwerer sie bei all den anderen Stimmen zu verstehen.

„Ja.“ Hafren sah zurück. Das Brennen hinter ihrer Stirn hatte sich bis zu ihren Augen ausgebreitet und ließen die Umgebung leicht verschwimmen, aber noch nicht so sehr, dass sie eine Wurzel auf dem Boden hätte übersehen können.

„Brauchst du eine Pause?“

Hafren schüttelte den Kopf und bereute diese Bewegung sofort. Zu den Kopfschmerzen gesellte sich eine leichte Übelkeit. „Lass uns weiter. Mir geht es gut.“

„Wenn du …“, begann Neasa und Hafren konnte sich das sorgenvolle Runzeln ihrer Stirn gut vorstellen.

„Dann sage ich es dir“, beendete die Nekromantin schnell den Satz.

Eine Pause, was sollte das bringen? Die Stimmen des Waldes würden davon auch nicht leiser werden. Auch ihre Kraft kam nicht zurück, wenn sie auf dem Boden saß. Etwas zu Essen, wollte sie nicht wagen. Dazu hätte sie die Maske absetzen müssen. Ob die Kräuter darin wirklich die Seuche aufhielten, wagte sie zwar zu bezweifeln, besonders nachdem sich die beiden sicher waren, dass sie magischer Natur war, aber riskieren wollte sie es dennoch nicht. Und bei der dazugekommenen Übelkeit war ihr jetzt auch nicht danach etwas zu essen.

Neasa setzte den Weg fort. Hafren schaute noch einmal auf die Stelle, an der sie gestolpert war. Keine Wurzel. Nichts. Vernebelten ihr die Kräuter, die Sinne oder war es die Seuche selbst?

„Wie weit ist es eigentlich noch?“, wollte Hafren wissen mir Zweifeln daran, ob sie die Antwort wissen wollte. Sie hatte ihr Zeitgefühl längst verloren. Alle Aufmerksamkeit richtete sie darauf ihre Füße richtig voreinander zu setzen.

Neasa blieb stehen und schaute in den Himmel, den man nur durch die schmalen Lücken zwischen den Kronen der Bäume erkennen konnte. Die Sonne stand direkt über ihnen und ließ Staub, der durch den grünen Seuchennebel flog, leuchten.

„Die Hälfte sollten wir geschafft haben. Bisher sind wir gut vorangekommen.“

Die Hälfte. Hafren nickte nur kurz als Antwort. Noch einmal die gleiche Zeit laufen, etliche Male stolpern und die Kopfschmerzen verdrängen. Das war machbar. Irgendwie. Es musste gehen.

Neasa hatte sie vor dem Aufbrechen mehrfach gefragt, ob sie wirklich schon bereit für diesen Weg war. Ein ganzer Tagesmarsch, um das Ziel zu erreichen und dann noch einmal die Strecke zurück. Wenn sie Glück hatten, vielleicht in einem Wald befreit von der Seuche und mit Stille im Kopf. Wenn sie Pech hatten zu den gleichen Bedingungen und zusätzlich niedergeschlagen von ihrem Misserfolg.

„Es gibt keinen guten Zeitpunkt um Aufzubrechen“, hatte Hafren ihr daraufhin gesagt. „Warten wir länger, wird meine Kraft wieder so weit verbraucht sein, dass wir den Weg nicht schaffen werden. Die Stimmen sind ständig da. Die einzige Möglichkeit für dich wäre, dir eine andere Nekromantin zu suchen, die bereit ist so ein Höllenkommando durchzuziehen.“ Hafren hatte gegrinst, um ihre Bedenken zu überspielen.

Langsam war sich Hafren selbst nicht mehr sicher, ob sie sich für ihren Mut in die Hölle wünschte. Sie wussten nicht, was sie vorfinden würden. Sie wussten nur, dass es diese Ley-Knoten gab, aber ob es ihnen mit ihrer Magie überhaupt möglich war, damit in Verbindung zu treten, war ungewiss.

Schluss damit!,  forderte sie sich auf. Es machte keinen Sinn sich jetzt schon Gedanken darüber zu machen, was passieren könnte, wenn sie dort waren. Erst einmal mussten sie jetzt die Voraussetzung schaffen, um überhaupt herausfinden zu können, ob sie etwas bewirken konnten. Sie mussten den Weg hinter sich bringen.

Sie gingen weiter. Hafren achtete darauf ihre Füße immer gut zu heben. Der Waldboden wurde zunehmend steiniger und auch steiler. Die Bäume standen etwas weiter auseinander, Pflanzen mit Wurzeln, die nicht so tief in die Erde gingen, nahmen die freiwerdenden Stellen ein.

Dann wurde Neasa langsamer, bis Hafren ganz zu ihr aufgeschlossen hatte.

„Sag mal …“ , flüsterte die Druidin. „Spürst du es auch?“

„Was?“ Da war vor allem dieses dauernde Pochen hinter ihren Schädelknochen, aber das, würde Neasa wohl kaum gemeint haben.

„Uns folgt jemand.“

Hafren widerstand dem Drang stehenzubleiben und sich umzudrehen. „Wer?“

„Ich weiß es nicht. Aber er oder sie ist schon da, seit wir den Wald betreten haben.“

„Warum sagst du mir das erst jetzt?“

„Weil ich mir nicht einmal sicher war, ob es wirklich jemand war oder nur eine Einbildung. Meine Kräfte sind hier nicht mehr so stark wie sie es waren. Es gibt auch etwas, was sich Astrale Spiegelung nennt. Bisher war das, was ich gespürt habe, genau dort, wo auch wir uns aufgehalten hatten. Ich dachte es wären unsere …“

„Schon gut. Warum denkst du jetzt anders?“, wollte Hafren wissen.

„Dein Stolpern. Das …“ Neasa blieb stehen. „Komm hinter mich.“ Die Druidin nahm ihre Sense vor sich. Andere ihrer Zunft arbeiteten mit Sicheln und kletterten dann auf die Bäume, um die Pflanzen von dort zu ernten. Neasas Höhenangst hatte sie gezwungen einen anderen Weg zu suchen.

„Unser Verfolger?“

„Der Boden. Er bebt“, antwortete Neasa nur. „Das ist etwas anderes.“

Beben? Hafren nutzte ihre ganze Kraft, um die Stimmen für einen kurzen Moment abzuschirmen. Die Ruhe in ihrem Kopf war himmlisch, nur fühlte es sich auch an, als wäre sie ein Handtuch, aus dem man das Wasser herausdrückte. Es floss heraus, wie die Kraft, die sie für die Ruhe brauchte.

„Ich fühle es auch.“ Es war jedoch kein Beben wie Neasa es benannt hatte. Viel mehr ein wellenartiges Bewegen des Waldbodens. Ganz sanft und in einem Takt, der Hafren an Pferdehufe erinnerte. „Unser Freund?“, fragte sie.

„Nein.“ Neasa drängte Hafren etwas zurück.

Der Takt der Wellen wurde schneller und formte sich zu dem Beben, das Neasa beschrieben hatte. Es knackte in den Büschen, Äste brachen. Ein tiefes Grollen kam aus dem dichten Unterholz. Ein Bär sprang heraus. Das Fell aufgestellt, das Maul so weit aufgerissen, dass Hafren bis in seinen Hals schauen konnte.

„Lauf!“, rief Neasa und verpasste ihr einen leichten Stoß. Sie richtete ihre Sense auf das Tier. Gelbe Lichtpunkte sammelten sich um die Waffe und fielen wie Hagelkörner zu Boden.

Mit ausgestreckten Pranken sprang der Bär auf die beiden zu. Wurzeln schossen aus dem Boden, packten seine Beine und zogen herunter. Er schlug mit dem Kinn auf der Erde auf, brüllte vor Frust und Schmerz.

Hafren starrte gebannt auf die Szene. Sie wusste, dass Druiden Mächte besaßen, mit denen sie die Natur kontrollieren konnten, aber dass sie damit auch einen Bären aufhalten konnten, hatte sie nicht erwartet.

In dem Moment riss sich der Bär von seinen Fesseln los. Neasa erhob wieder ihre Sense.

Hafren ging in die Hocke, legte ihre Hand auf den Boden und fütterte ihn mit ihrer Kraft. Die Welt verschwamm. Die Stimme und die Kopfschmerzen kamen mit einem Schlag zurück. Ihr wurde schwindlig, drohte auf die Seite zu kippen.

Nein, noch nicht. Nur einen Moment.

Feine Steinchen auf dem Boden bewegten sich, vibrierten auf dem Untergrund. Der Bär schloss das Maul, riss die Augen weit auf und wich ein paar Schritte zurück. Neasa sprang zur Seite. Aus einer Staubwolke heraus stürmte ein Rudel aus Rehen, die nur noch aus ihren Skeletten bestanden, umgeben von einer halbdurchsichtigen Hülle, die ihren einstigen Körper andeutete, auf den Bären zu. Der stellte sich auf die Hinterbeine, aber die Toten reagierten auf seine Drohung nicht. Der Bär drehte um, rannte um sein Leben. Gefolgt von dem Rudel.

Hafren lächelte. „Und so wurde aus dem Jäger der gejagte.“ Dann fiel sie zur Seite in Dunkelheit gebettet.