Kapitel 7

Traue keinem Elf. Neasa lehnte ihre Stirn an eines der Regale in der Bibliothek. Traue keinem Elf. Sie glaubte dem Geist dieser Maus. Es deckte sich mit dem, was als leise Stimme in ihrem Unterbewusstsein begonnen hatte, als die Seuche ausbrach und die Elfen in der Stadt untergekommen waren. Seit heute brüllte sie diese Stimme an.

Aber was ist mit ihm? Sie wagte einen Blick hin zu Anaru, dem Bibliothekar und Begründer dieser Sammlung an Wissen für die Gelehrte aus allen Teilen des Landes in die Stadt reisten.

Der alte Elf stand vor einem der Pulte und las in einem Buch, das aufgeschlagen so breit war, dass es der Spannweite seiner Arme entsprach. Die Kapuze seiner Robe hatte er über den kahlen Schädel gezogen, den Rücken gebeugt und die Arme dahinter verschränkt.

Ich habe ihm immer vertraut. Warum zweifle ich jetzt so sehr?

Neasa kehrte in ihre Deckung zurück. Sie hatte keine Ahnung, wo sie in dieser unendlich wirkenden Anzahl an Büchern anfangen sollte, nach Informationen über die Ley-Linien im Elfenwald zu suchen. Zumal die Elfen noch nie besonders freigiebig waren, was das Teilen von Wissen anging. Die anderen Völker dieser Welt wären noch nicht bereit, sich damit auseinanderzusetzen. Etwas, womit Anaru sich nicht hatte abfinden können und als junger Mann das Reich der Elfen verlassen hatte.

Er war ausgezogen, um Wissen zusammenzutragen. Einzelne Seiten, Pergamentrollen, Bücher in alle Größen und Umfängen. Heute standen sie alle in dieser Bibliothek, dessen Ordnungssystem außer Anaru wohl niemand durchblicken würde.

Er ist ein Verstoßener. Warum sollte er dann noch … Sie schüttelte den Kopf. Zu viele Gedanken, zu viel Neues und dazwischen ging ihr immer wieder die Warnung des Magisters herum. Man beobachtete sie. Aber wer?

In Hafrens Hütte hatte sie es fast vergessen. Auch, weil die Nekromantin selbst vorsichtig sein musste. Auf dem Weg hierher war das Misstrauen gegenüber jedem, den sie gesehen hatte, wieder zurück gewesen. Gleichzeitig hatte sie sich auch gefragt, ob ein Beobachter sich ihr überhaupt so weit nähern würde, dass sie ihn sah.

Anaru … Ihr seid doch auf meiner Seite, oder? Ihr habt mir Unterstützung zugesichert, als ich die Gilde verlassen habe. Ihr und auch der Magister. Bei Letzterem waren ihre Zweifel über die Loyalität noch größer. Auch wenn er kein Elf war.

Neasa gab sich einen Ruck.

Anaru ist keiner von denen. Er ist ein Wandler. Er gehört überall und nirgendwo hin. Sein Leben hat er dem Sammeln von Wissen verschrieben.

Er sah in dem, was er tat, eine Friedensmission. Wenn alle über das gleiche Wissen verfügten, dann dürfte es seiner Ansicht nach keine Konflikte mehr geben. Denn Wissen war die Basis von allem.

Ganz konnte Neasa diese Meinung nicht teilen, denn sie sah schon, wie schnell unter den Menschen dieser Stadt Streit ausbrach und meist waren es nur Nichtigkeiten, die sich hochschaukelten.

Sie trat aus ihrer Deckung heraus in den Hauptgang. Das Gebäude selbst strahlte nicht im Ansatz diesen Schatz aus, den es in seinem Inneren bereithielt. Die Regale waren aus verschiedenen Hölzern gebaut, die meisten davon noch von Anaru selbst, bis ihn die Kraft dafür verlassen hatte. Dafür und auch für das Reisen. In den letzten Jahren hatte sein Körper stark abgebaut und der Elf sprach zunehmend von seinem Lebensende. Bücher reihten sich neben dünnen Mappen ein, Pergamentrollen lagen in Stapeln daneben.

Wenn Anarus Zeit wirklich abgelaufen war, würde es Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis man alles gesichtet und sortiert hatte.

„Guten Tag, Anaru.“

Der Elf sah von seinem Buch auf und lächelte sie an. „Neasa, es freut mich, Euch mal wieder bei mir begrüßen zu dürfen.“ Er setzte seine Kapuze ab. Etwas, was er selten tat. Seine Ohren hingen und auch das fehlende Haar machte ihm zu schaffen.

„Warum denn heute so förmlich?“, fragte sie.

Er lachte. „Entschuldige, ich war so versunken in diese Zeilen, da war ich zu sehr Bibliothekar und weniger ein Freund für Euch.“

Freund? So haben wir unsere Beziehung noch nie bezeichnet. Es tat gut. Besonders heute. Trotzdem schwor sie sich auch hier weiter wachsam zu bleiben. Oder sollte sie jetzt erst recht skeptisch werden?

„Was kann ich denn für Euch tun?“

„Ich suche etwas.“

„Nun.“ Er rieb sich das Kinn. „Das tun alle, die zu mir kommen.“

„Da habt Ihr recht.“ Neasa schaute sich um. Niemand sonst war in diesen, mit Büchern vollgestopften Räumen. „Ich suche etwas über die Ley-Linien.“

„Die Ley-Linien?“

Neasa nickte.

Anaru runzelte die Stirn und nickte anschließend. „Da habe ich natürlich etwas. Sucht Ihr nach etwas Bestimmten oder soll es ganz allgemein gehalten sein?“

Diese Frage hatte Neasa erwartet und wusste sie nicht, wie sie darauf antworten sollte, ohne einen möglichen Verdacht zu erregen. Wieder schaute sie sich um. Ungewollt.

„Ist alles in Ordnung mit Euch?“ Anaru musterte sie. „Ich sehe große Unsicherheit in Euren Augen. So etwas kenne ich von Euch nicht.“

„Die Ley-Linien des Elfenwaldes“, antwortete sie knapp auf seine zuerst gestellte Frage. War es ihr jetzt gelungen, die Unsicherheit aus ihrem Blick herauszubekommen? Sie glaubte nicht daran. Also musste sie es durch besonders sicheres Auftreten überspielen. Irgendwie.

„Oh. Nun ja.“ Er kratzte sich am Kopf. „Bitte wartet hier.“ Anaru drehte ihr den Rücken zu und ging in den hinteren Teil der Bibliothek, wo sie eine zweiflügelige Tür befand. Als Neasa ihn vor Jahren einmal gefragt hatte, wohin sie führte, hatte er ihr gesagt, dass er selbst nicht wisse. Angeblich klemmte sie und unter dem Gebäude würde sich nur ein Keller befinden. Anaru hatte sich geschüttelt und gesagt, dass dieser sicher voller Ratten wäre und er wenig Lust auf diese Bekanntschaft hätte.

Jetzt öffnete er mit Leichtigkeit den einen Teil der Tür. Er zog sie direkt hinter sich wieder zu und Neasa war allein in der Bibliothek. Sie rieb sich die Arme.

Natürlich ging es sie nichts an, was Anaru noch alles in diesem Gebäude untergebracht hatte. Unter anderen Umständen hätte sie vielleicht auch über sein Geheimnis schmunzeln können. Vielleicht wohnte er ja dort unten und er wollte dort seine Ruhe haben. Aber im Moment trieb es ihr Unwohlsein nur noch weiter an.

Sie lauschte in die Stille hinein. Warum war eigentlich niemand hier? Um diese Zeit war sie nie allein zwischen den ganzen Büchern gewesen.

Traue keinem Elf, kam ihr der Rat der Geistermaus wieder in den Kopf. Blöd nur, dass Anaru für Neasa kein Elf war. Er war ein Wegbegleiter gewesen, ein Ratgeber, ein Wissensverbreiter und jemand, der die Welt zusammenführen wollte. Er hatte sich nie auf eine Seite gestellt und sich sofort als Verbindungsmann zwischen Elfen und Menschen gesehen, seit sie ihren Wald verloren hatte. Er kannte die Menschen und die Elfen. Er war beides. In seinem Herzen.

Die schwere Holztür knatschte in ihren Scharnieren. Anaru kam mit einem dünnen Buch in der Hand zurück. Mit langen Schritten kam er zu Neasa. „Nehmt es mit Euch.“ Er hielt ihr das Buch hin. Der Umschlag war an den Ecken abgestoßen. Der Titel war nicht mehr zu lesen, die Seiten, soweit Neasa sie sehen konnte, stark vergilbt.

„Mitnehmen?“

Anaru nickte langsam. „Ihr könnt es behalten. Ich schenke es Euch.“

„Sonst habt Ihr die Bücher nicht einmal ausgeliehen und jetzt …“

„Es ist alt, seit der Seuche auch für niemanden mehr von Bedeutung. Die Ley-Linien sind nicht mehr zu erreichen. Aber es scheint für Euch sehr wichtig zu sein. Nehmt es an Euch und nutzt das Wissen darin Weise.“

„Ich danke Euch.“ Neasa nahm das Buch an sich. Sie spürte, wie sich das Leder der Buchdeckel unter ihren Finger abrieb.

„Seid gut zu dem Buch. Ich habe es aus meiner kleinen Bibliothek mitgenommen, als ich das Elfenreich verlassen habe.“

Das muss sehr alt sein. Ein Wunder, dass es nicht sofort zu Staub zerfällt.

„Ich danke Euch für das Vertrauen“, sagte Neasa und legte das Buch vorsichtig in ihren Beutel. „Leider muss ich wieder los.“

„Aber natürlich. Besucht mich, wann immer Ihr Zeit habt. Wie ich hörte, habt Ihr sogar Kontakt zu einer Nekromantin.“ Er lächelte. „Mein Rat wird Euch immer zur Verfügung stehen. Auch nach Ablauf meiner Zeit in dieser Welt.“

„Sprecht doch bitte nicht ständig von Eurem Tod.“

„Der Tod und das Leben bilden eine Einheit, Neasa. Sie können ohneeinander nicht existieren. Wenn wir sterben, geht unser Körper in den ewigen Kreislauf ein. Geburt, Leben und Sterben.“

„Ihr habt recht, dennoch würde mich Euer Tod traurig machen.“

Anaru lächelte. „Das freut mich. Es wird mir in meinen letzten Stunden im Gedächtnis bleiben. Aber weint nicht, wenn ich gehe, mein Leben war lang und erfüllt.“ Sein Blick wanderte zu einem der Regale. Seine Augenbrauen zuckten kurz.

Neasa schaute in die Richtung, konnte aber nichts erkennen. Trotzdem wurde ihr mulmig. „Ich werde dann gehen. Habt Dank für Eure Hilfe.“

„Gerne. Passt auf Euch auf und gebt niemals auf. Egal, wie schwer es auch sein mag.“

„Das werde ich.“ Neasa verließ die Bibliothek. Auf der Straße schaute sie noch einmal durch das Fenster in das Gebäude. Ein Mann stand an einem der Regale und ließ seinen Finger über die Buchrücken gleiten.

Der war doch eben noch nicht da.

Sie drückte den Beutel an ihren Körper, als sie auch durch das nächste Fenster einen Besucher entdeckte.

Anaru … Ihr wolltet mich allein sprechen, nicht wahr? Eure Magie ist wohl noch nicht so sehr versiegt, wie ihr es mir immer weismachen wolltet.