Kapitel 6

„Wir können schlecht mit jedem Lebewesen das Gleiche machen“, sagte Hafren und strich über ein Blatt der Pflanze.

„Das stimmt.“ Neasa lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Der Kater sprang auf ihren Schoß. Sie streichelte ihm nachdenklich durch das Fell und er fing leise an zu schnurren.

„Und wie geht es dann weiter?“

„Ich weiß es nicht.“ Neasa zog die Augenbrauen zusammen. „Irgendwas sagt mir, dass wir es nicht den Elfen sagen sollten.“ Und dieser Meinung war sie nicht erst seit dem Gespräch mit dem Magister.

Hafren nahm das Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger und rieb es leicht. Ein würziger Geruch verbreitete sich in der Hütte. „Traue keinem Elf.“

Neasa zog eine Augenbraue hoch. „Wie kommst du darauf?“ Das wollte sie genauer wissen. Ein Bauchgefühl? Hatten die Nekromanten etwas gegen die Elfen? Umgekehrt sicher. Aber wusste sie überhaupt, dass es welche in der Stadt gab?

Hafren zeigte auf den Mäuseschädel. „Er hat mich gewarnt.“

„Der Schädel?“

„Sein Besitzer.“ Hafren ließ von der Pflanze ab und schaute zu Neasa. „Außerdem sagte er, dass der Wald keine Einmischung duldet.“

„Der Wald duldet keine Einmischung?“ Gut, sie hatte es sich denken können. Sie legte ihre Fingerkuppen auf die Narbe. „Die Elfen auch nicht. Das hat mir der Magister gesagt.“

Hafren stand auf. „Dem traue ich auch nicht. Aber ich kenne ihn auch kaum.“

„Früher habe ich ihm getraut, seit er als Vertreter der Menschen eingesetzt wurde …“ Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Ich weiß nicht mehr. Er hat Wesenszüge bekomme, aus denen ich nicht schlau werde. Wenn er nicht wäre, hätte ich wohl sämtliche Möglichkeiten verloren, als Druidin arbeiten zu können, aber dann …“

„Er hat mich aus der Stadt verbannt“, sagte Hafren kühl. „Noch bevor die Seuche kam. Da stand er nicht unter dem Einfluss der Elfen.“

„Dass ich dir geholfen habe, hat sich auch schnell verbreitet. Er sagte mir, ich solle darauf achten, mit wem ich mit treffe. Eine Nekromantin wäre fragwürdige Gesellschaft.“

Hafren ging zum Fenster und schaute hinaus zum Wald. „Warum tust du es dann?“ Sie drehte sich zu Neasa.

„Ich …“ Noch eine Frage, auf die sie keine Antwort wusste und die sie sich schon selbst gestellt hatte. Sie kannte Hafren nicht. Es war nur ein Gefühl, dass es richtig war, hier zu sein. Mit ihr zu sprechen und um ihre Hilfe zu bitten. „Mein Herz sagt es mir“, sagte sie schließlich.

Die Härte wich aus Hafrens Blick und ließ sie lächelte. „Danke.“

„Wofür?“

Sie senkte den Kopf. „Es gibt ein paar Menschen, die öfter zu mir kommen. Eine alte Frau, die mit ihrem Mann sprechen möchte. Er verstarb, als sie noch jung waren. Ein kleiner Junge, der seine Oma vermisst und Paar, die ihr Kind vor einem Jahr verloren haben. Es sind nur wenige, aber ich rechne es jedem von ihnen hoch an, dass sie zu mir kommen und die Konsequenzen in Kauf nehmen. Es ist schön zu wissen, dass es seit heute noch jemand mehr ist.“

„Du bist ein Mensch wie jeder andere auch. Dass du die Toten hören kannst, hast du dir ebenso wenig ausgesucht wie ich mir meine Druidenkräfte. Es gibt genug Menschen, die anderen Unheil antun, ohne diese Fähigkeiten, und man straft sie dann bei Weitem nicht so hart wie uns.“

„Du auch?“, fragte Hafren überrascht.

„Die Druiden mögen anerkannter sein, aber man ist auch uns argwöhnisch gegenüber. Wir können Stimmen hören, die für andere nicht da sind. Das erinnert die Menschen an Wahn oder schwarze Magie.“

Hafren verschränkte die Arme. „Und trotzdem habt ihr eine Gilde, die euch schützt. Die haben wir nicht.“

„Wir? Gibt es noch weitere Nekromanten in der Stadt?“

„Erwarte keine Namen.“

„Es käme mir nicht in den Sinn, danach zu fragen.“ Was sie nicht wusste, konnte sie unter schlimmsten Umständen auch nicht verraten. Neasa schaute zu dem Kater, der nicht müde wurde, sich von ihr streicheln zu lassen. „Also der Wald. Wie machen wir mit ihm weiter?“, kam sie zurück zum Thema.

„Nicht zu den Elfen“, antwortete Hafren.

„Das ist klar.“ Neasa schaute kurz zur Decke. „Wenn der Wald keine Einmischung will und die Elfen auch nicht, könnte es sein, dass er befürchtet, wir kooperieren mit ihnen. Wir Druiden wurden von den Elfen ausgebildet, da würde es nahe liegen.“

Hafren ging zur Tür, öffnete sie, schaute sich um und kam zurück zu Neasa. „Ich glaube der Maus, wenn sie sagt, wir sollen keinem Elf trauen. Außerdem sind wir uns sicher einige, dass es sich dabei nicht um eine normale Seuche handelt. Sie ist magisch und jede Magie hat einen Anfangspunkt. Den müssen wir finden.“

„Das stimmte.“ Vorsichtig hob Neasa den Kater von ihrem Schoß und setzte ihn unter Protest auf den Boden. Beleidigt drehte er ihr den Po zu und sprang dann ins Fenster.

„Hast du schon einmal was von Ley-Linien gehört?“, fragte Hafren.

„Natürlich.“

Hafren öffnete die Schublade ihres Tisches, nahm ein großes Papier heraus und legte es auf den Fußboden. Dort faltete sie es auseinander. Darauf war eine Karte abgebildet, die das Territorium der Menschen zeigte. „Schau her, die Linien kreuzen sich, dort sind Knotenpunkte, an denen die Magie besonders konzentriert ist. Man kann sie für sich nutzen, um die Eigene zu verstärken, aber auch um in das Netz etwas einzuschleusen. Ich kenne die Ley-Linien des Elfenwaldes nicht. Aber auch dort wird es Knoten geben, wenn diese vergiftet wurden, dann kann sich die Seuche von dort ausgebreitet haben.“ Hafren fuhr die Linien mit den Fingern nach. „Außerdem sind es nicht nur die Linien, die hier eingezeichnet sind. Sie verästeln sich, bis sie irgendwann auslaufen. Nur so ist es möglich, dass überhaupt Magie gewirkt werden kann. Auch hier unter uns verlaufen sie.“

Neasa ballte entschlossen die Fäuste. „Das klingt gut. Warum bin ich nicht eher darauf gekommen?“ Die Frage an sich selbst war keine Floskel. Sie ärgerte sich darüber, dass sie zwei Jahre im Dunklen rumgestochert hatte, aber auf dieses eigentlich recht Offensichtliche nicht gekommen war.

„Weil es für euch Druiden andere Schwerpunkte gibt. Ihr bezieht die Kraft aus der Natur, nicht direkt aus dem Äther, der die Magiebahnen der Ley-Linien speist. Das ist eine andere Form der Magie.“ Sie lächelte beschwichtigend. „Auch wenn ihr Druiden dies ungern als Magie bezeichnet, ich weiß.“

„Und ihr Nekromaten bezieht eure Kraft aus dem Äther?“ In dieser kurzen Zeit mit Hafren wurde Neasa immer bewusster, wie wenig sie über ihren Tellerrand geschaut hatte. Ihr war wohl immer bekannt gewesen, dass es Magier, Nekromanten und anders magisch begabte Menschen und auch nicht Menschen gab, aber sie hatte sich nie groß damit beschäftigt. Leider. Sie bedauerte es. Nicht um ihr unvollständiges Wissen, sondern weil sie sich selbst für offengehalten hatte. Jetzt kam sie sich ebenso eingeschränkt vor, wie alle anderen um sie herum.

In der Gilde hatte man sie gelehrt, dass die Druiden die gute Form der Magie nutzten und im Einklang mit der Natur waren. Wie die anderen magischen Formen funktionierten, hatte man ihr nie erklärt. Und sie hatte auch nie danach gefragt.

„Nein, wir nutzen nichts davon. Wenn wir mit den Toten Kontakt aufnehmen, dann müssen wir einen Teil unserer eigenen Kraft dafür nutzen, um ihnen in dieser Welt eine Stimme zu geben. Oder einen Körper.“

„Deine Kraft?“

„Ja.“ Wenn die Toten in unserer Welt existieren sollen, brauchen sie die Kraft des Lebens und damit arbeiten wir Nekromanten.“

Neasa brauchte einen Moment, bis das ganz in ihrem Verstand angekommen war. „Heißt das …“ Sie schüttelte den Kopf.

„Ja?“, fragte Hafren.

„Heißt das, dass du dich damit selbst töten kannst?“

„Durchaus.“

Wie konnte sie das so locker aussprechen und warum war sie breit, dieses Risiko für Menschen, wie diesen Mann von gestern einzugehen?

„Ich weiß, was ich tue.“ Hafren lächelte mild auf Neasas sorgenvollen Blick hin. „Man lernt mit der Zeit, wie viel genug ist. Außerdem verstärken sich meine Kräfte.“

„Davon gehe ich aus.“

Hafren nahm den Mäuseschädel zur Hand. „Bei meinem kleinen Freund hier merke ich kaum etwas davon. Tote, die mich kennen und kooperieren, verbrauchen kaum etwas von meiner Kraft. Bei der Pflanze war es anders. Sie wollte nicht aus der Zwischenwelt. Es war sehr anstrengend, sie herzuholen.“

Deswegen war sie so erschöpft danach. Wut ballte sich in Neasas Bauch zusammen. Sie hatte bisher noch niemanden gehört, der ein gutes Wort für die Nekromantie hatte. Diese Form der Magie war verschrien dafür, dass sie das Böse war. Für die Druiden ein Gegenpart zu sich selbst. So hatte man es Neasa immer gelehrt. Wieso hatte sie das nie hinterfragt.

Was die Nekromanten mit ihrer Kraft anstellen konnte, war für sie in diesem Moment zweitrangig. Es ging ihr um das „Wie“. Etwas von sich selbst zu geben, um ihrer Magie zu wirken, war etwas ganz anderes, als die Natur zu bitten, sich Kraft leihen zu dürfen.

„Diese Kraft bekommst du sie wieder?“, wollte Neasa wissen.

„Ja, aber, seit die Seuche ausgebrochen ist, dauert es deutlich länger. Ich brauche meine Kraft, um die Stimmen nicht die ganze Zeit zu hören, und wenn sie mir ausgeht, dann hast du gesehen, was passiert.“

Neasa nickte.

Hafren strich über ein Blatt der Pflanze. „Ich spüre, wie meine Kräfte jeden Tag schwinden. Lasse ich die Mauer fallen, werde ich wahnsinnig. Gestorben wir immer. Seelen befinden sich immer einige in der Zwischenwelt. Damit lernen wir Nekromanten umzugehen. Aber wenn es ein ganzer Wald ist.“ Sie seufzte. „Das ist zu viel.“

„Ich verstehe. Als meine Kräfte erwacht sind, habe ich auch die Stimmen des Waldes gehört. Ich kann mir vorstellen, wie laut es für dich sein muss.“

Hafren senkte den Blick. „Die Abstände, in denen meine Kraft ausgeht, werden immer kürzer. Ich weiß nicht, wie lange es noch so weitergehen kann. Vielleicht falle ich irgendwann komplett in einen Schlaf. Manchmal klingt das sogar sehr erstrebenswert.“

„Meinst du wirklich Schlaf oder … Tod?“ Neasas Stimme zitterte beim Aussprechen des letzten Wortes.

Die Nekromantin zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“

„Wie kannst du das so ruhig aussprechen?“

Hafren trat vor Neasa und schaute sie von unten an, wie ein Kind, das um einen Keks bat. „Ich kenne den Tod. Ich arbeite mit ihm. Er macht mir keine Angst.“

So angespannt Neasa im letzten Moment noch gewesen war, so kehrte jetzt eine innere Ruhe bei ihr ein. Natürlich machte Hafren der Tod keine Angst. Sie beschäftigte sich damit und sie wusste, was danach kam. Da war keine Ungewissheit.

„Trotzdem würde ich ihn gerne noch ein Weilchen nur als Gast haben“, fügte Hafren hinzu. „Kennst du eine Möglichkeit, wie wir die Ley-Linien des Elfenwaldes finden?“

„Ja. In der Bibliothek wird es sicher etwas darüber geben. Allerdings werde ich allein gehen müssen.“

„Klar. Mach dich auf den Weg.“ Hafren ging zu ihrem Bett und hob die Matratze hoch. Ein großer Sack gefüllt mit Stroh. „Und ich werde sehen, ob ich nicht auch noch etwas herausfinden kann.“ Sie hielt ein Buch hoch. Es sah alt aus. Mit einem violetten Einband, abgestoßen an den Ecken und zerfledderten Lesebändchen. Geschrieben in einer Schrift, die Neasa nicht kannte.

Seit zwei Jahren forschte Neasa. Es war die ganze Zeit über ein beschwerlicher Weg gewesen, den man ihr mit etlichen Steinen bestückt hatte. Sie hatte immer nur kleine Puzzleteile gefunden, die ihr nicht einmal eine Idee von einem Bild gegeben hatte. Aber jetzt, dank Hafrens Hilfe, hatte sie Hoffnung.