Kapitel 5

„Wie kann eine Nekromantin die Stimme des Waldes hören?“ Sie ging um den Tisch herum und behielt dabei die Pflanze in ihrem Topf im Blick. Still stand sie da. Seit Hafren von der Seele in der Zwischenwelt gesprochen hatte, kam es Neasa selbst ein wenig so vor, als wäre die Pflanze in einer anderen Welt. Eine Welt, die sich nur zufällig an einigen Stellen mit Ihrer kreuzte.

Soll ich sie mit zu Hafren nehmen? Neasa blieb stehen. Wie lange braucht sie, um sich zu erholen? Ich möchte nicht, dass sie wieder zusammenbricht. Sie zog die Augenbrauen zusammen. Und wie laut hört sie die Stimme einer einzelnen Pflanze?

Neasa wusste, wie viel Kraft es kostete, sich abzuschirmen. Ganz besonders am Anfang. Sie erinnerte sich noch deutlich daran, wie sie sich gefühlt hatte, als ihre druidischen Kräfte erwacht waren. Schon fast erwachsen. Aber irgendwie noch ein Kind und kurz vor dem Beginn ihrer Schneiderlehrer. Sie war im Wald gewesen, um Feuerholz zu sammeln, als sie ein Flüstern gehört hatte. Im ersten Moment dachte sie, die Jungs aus der Stadt wollten ihr wieder einen Streich spielen.

Aber da waren keine Jungs gewesen. Und auch kein anderes menschliches Wesen. Dafür war ein Fuchs aus dem Gebüsch gekommen, und als er die Angst in ihren Augen sah, hatte er sich entschuldigt. Ein Stock hatte sich in seine Pfote gebohrt und er brauchte Hilfe. Neasa hatte geschrien, den Korb mit dem Feuerholz fallen lassen und war zurück in die Stadt gelaufen. Vollkommen verängstigt.

Ihr Vater hatte sie anschließend zum Erzdruiden der Stadt gebracht. Seine Großmutter war ebenfalls eine Druidin gewesen, und so hatte er zu Neasas Glück sofort gewusst, was mit ihr geschehen war.

Damit war ihr weiterer Weg besiegelt gewesen und nach ihrem ersten Schreck hatte sich Neasa schnell entwickelt. Ihre Kräfte wuchsen mit jedem Tag. Sie war stolz gewesen, aber was niemand gesehen hatte, waren die negativen Seiten daran. Sie bekam keine Ruhe mehr und es hatte lange gedauert, bis sie sich getraut hatte, sich mit ihren Sorgen an den Erzdruiden zu wenden. Erst als sie zusammengebrochen war.

Aus dem gleichen Grund wie Hafren.

„Sie hört sonst die Stimmen der Toten.“ Neasa kratzte sich am Kinn. „Jetzt hört sie die Stimme des Seuchenwaldes und das genau so unverständlich wie ich.“ Sie starrte angestrengt auf die Pflanze. „Bist du lebendig oder tot? Oder beides?“

Gestern hatte sie noch gedacht, mit dem neuen Wissen, dem Rätsel des Waldes ein Stück nähergekommen zu sein, aber eigentlich war es nur noch verworrener geworden.

Ich nehme sie mit.

Neasa nahm den Topf und stellte ihn in einen der Körbe, mit denen sie sonst Feuerholz im Wald sammelte. Sie polsterte die freien Stellen aus, damit die Pflanze nicht umkippte. Dann setzte sie sich den Korb auf den Rücken und wollte das Haus verlassen. Als sie die Tür öffnete, stand unerwarteter Besuch davor. Der Magister hatte die Faust schon zum Klopfen gehoben.

„Oh, Neasa, wo willst du denn hin?“

Warum jetzt?

„Zu einer … Freundin.“ Ihr war keine bessere Umschreibung für Hafren eingefallen. Wäre Gleichgesinnte treffender gewesen?

„Hast du noch kurz Zeit?“

Sie ließ ihre Hand auf der Klinke liegen, um ihm damit zu verstehen zu geben, dass ihr Gespräch nur kurz sein dürfte. „Wenn es nicht warten kann.“

„Nein. Eigentlich nicht.“

Neasa seufzte und ließ den Magister eintreten.

„Worum geht es?“, fragte sie, als sie die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte.

„Ich habe mit den Elfen gesprochen, bezüglich deiner Bedenken, was das Abbrennen des Waldes angeht.“ Seine in Sorgenfalten gelegte Stirn mochte nichts Gutes verheißen.

„Sie sind nicht einmal drauf eingegangen?“, fragte sie.

Er nickte. „Nicht im Geringsten. Sie würden wissen, was sie tun und sehen es als Beleidigung an, dass du sie belehren willst. Sie dulden keine weitere Einmischung in ihre Angelegenheiten“

Neasa verzog das Gesicht. „Sie sollten daran denken, wer sie aufgenommen hat, als sie ihren Wald verloren haben. Ich habe langsam das Gefühl, sie haben das vergessen.“

Der Magister verschränkte die Arme hinter dem Körper. „Als offizieller Vertreter dieses Landes, ist es mir nicht erlaubt, solche Worte in den Mund zu nehmen.“ Er seufzte. „Aber du hast recht.“

Das sind ja ganz neue Töne.

„Was wollen die Elfen denn tun, wenn ihr Experiment nicht gelingt?“

„Ich weiß es nicht. Sie gehen fest davon aus, dass es der richtige Weg ist.“

Neasa ging zu ihrem Regal mit den Samen. „Probieren wir es doch aus.“ Sie nahm ein Glas heraus und stellte es auf den Tisch neben den Topf mit den Überresten der Pflanze vom Vortag. Sie gab einen der Samen in die Erde und goss etwas Wasser darüber.

„Dann lassen wir sie wachsen.“ Ein grüner Schein legte sich wie eine zweite Haut um ihre Hände, als sie diese über den Topf hielt. Er breitete sich auf das Gefäß aus und hüllte es vollständig ein. Ein Sprössling kam aus der Erde, wuchs schnell heran, bis er mehrere Zentimeter groß war. Dann nahm Neasa ihre Kraft zurück. Sofort verfärbten sich die Blätter braun und die Pflanze schrumpelte zusammen, bis sie nicht mehr als ein trockener Halm war, der aus der verseuchten Erde schaute.

„Ohne Hilfe ist sie nicht lebensfähig. Mag sein, dass die Kräfte der Elfen stärker sind als meine, aber sie ziehen sie auch nur aus der umgebenen Natur und wo nur Asche ist …“

„Ich verstehe, worauf du hinauswillst“, sagte der Magister und fuhr sich durch das Haar.

„Wenn die Elfen den Wald abbrennen, ist er für immer verloren.“ Neasa drehte sich zum Magister um und stützte sich mit den Händen auf der Tischplatte hinter dem Rücken ab. „Also, was jetzt?“

Der Magister seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Wirklich nicht.“

Neasa auch nicht. Auf sie würden die Elfen nicht hören und warum sie nicht selbst versuchten, eine einzelne Pflanze zu verbrennen und dann eine neue darauf wachsen zu lassen, auch nicht. Oder hatte sie es schon getan und ihr Ergebnis war ein anderes gewesen? Wenn ja, dann waren ihre Fähigkeiten mächtiger oder das Ergebnis ließ sich nicht reproduzieren. Auf der anderen Seite war Neasas Pflanze ja nicht verbrannt gewesen, sondern durch ihren Einfluss gestorben.

„Was denkst du?“, wollte der Magister wissen.

„Ich …“ Ja, wenn sie das denn wüsste. „Die Seuche tobt seit zwei Jahren und wir wissen nicht mehr als zu Beginn. Sie bewegt sich nicht vor oder zurück. Aber der Wald verteidigt sich. Ich kann ihn betreten und Pflanzen herausholen, dabei werde ich beobachtet. “

„Du wirst beobachtet? Von wem?“

„Vom Wald selbst.“

Der skeptische Blick des Magisters machte Neasa wieder einmal bewusst, wie viel Unbehagen die Kräfte der Druiden bei anderen Menschen auslösen konnten.

„Es ist die Wahrheit.“

„Und, wenn das nun ein Zeichen sein soll, dass du dem Wald fernbleiben sollst?“

„Wenn er mich wirklich loswerden will, dann hätte mich die Weide mehr als auf einem Auge blind gemacht. Sie hätte mich töten können.“ Und alles anderen im Wald auch.

„Dass du dort wegbleiben sollst, bedeutet ja nicht, dass er dich auch umbringen will.“

Ist das wirklich Fürsorge? Ein seltsames Gefühl beschlich Neasa, bei dem sie sich nicht sicher war, wo sie es einordnen sollte. Seit der Magister als Mittler zwischen Elfen und Menschen eingesetzt war, wusste sie oft nicht mehr, auf wessen Seite er stand. Auch wenn sie ihm nicht grundsätzlich unterstellen wollte, dass er zu sehr unter dem Einfluss der Elfen stand, so machte es auf sie den Eindruck, er könne mehr tun, als er es bis getan hatte.

Dinge, die er erzählte, wollten für Neasa so gar nicht zu diesen Elfen passen, die sich doch selbst als hoch entwickeltes Volk ansahen und gerne auf andere herabblickten.

„Ich will nicht unhöflich sein, aber ich habe eine Verabredung.“

„Ja, natürlich. Und Neasa, Bitte achte darauf, mit wem du dich umgibst. Mir ist bewusst, dass dein Kreis kleiner geworden ist, seit du der Gilde nicht mehr angehörst, aber eine Nekromantin ist sicher nicht vorteilhaft.“

Neasa weitete erschrocken die Augen. „Woher wisst Ihr davon?“

„Wenn die Seuchendruidin sich schützend vor eine Nekromantin stellt, dann erregt das die Gemüter der Menschen.“ Der Magister kam auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen. „Neasa, du bewegst dich auf sehr dünnem Eis. Man beobachtet jeden deiner Schritte genau. Pass auf, was du tust und mit wem du dich abgibst“, flüsterte er.

„Was wollt ihr mir damit sagen?“, sie bemühte sich um eine ruhige Stimme, obwohl alles in ihr Alarm schlug. „Wer beobachtet mich?“ Den Wald würde er kaum meinen.

„Viele. Mit deinen Forschungen hast du Misstrauen und Argwohn geweckt.“

„Wer sind diese vielen?“, startete sie einen neuen Versuch. Namen. Sie wollte Namen.

„In der Stadt, es gibt Gerüchte.“

Er wich von ihr zurück und ging zur Tür.

„Überlege dir jeden deiner Schritte gut“, sagte er jetzt wieder in normaler Lautstärke.

Neasa blieb zurück. Sie stand mitten im Raum und starrte zum offenen Eingang. Er weiß mehr, da bin ich mir sicher. Nur was?

Sie rieb sich die Arme, als ihre feinen Härchen sich aufrichteten. Jetzt wollte sie erst recht zu Hafren. Was der Magister ihr da gesagt hatte, ließ sie sicher sein, dass jemand mehr über die Seuche wusste, als er bisher zugab. Und dieser Jemand hatte kein Interesse daran, dass Neasa dem auf die Schliche kam. Ein Grund mehr, nicht aufzugeben.

Neasa verließ die Hütte, schloss das niedrige Tor ihres Gartens. Mit dem neuen Wissen durch die Stadt zu gehen, machte ihr den Gang schwer. In jeden Blickkontakt fing ihr Kopf sofort an, etwas zu interpretieren. Aber auch in jeden Blick, der nicht direkt auf sie gerichtet war, auch wenn der Passant dicht an ihr vorbeiging. Warum wich er ihr dabei aus? Wirklich nur, weil er an etwas anderes dachte, oder machte er es bewusst.

Ihre Schritte wurden schneller, gleichzeitig ermahnte sie sich, nicht zu auffällig zu sein. In ihrem Kopf drehten sich die Gedanken, die Stimme des Magisters war dabei die lauteste.

Man beobachtet jeden deiner Schritte genau.

Sie ging über den Markt hinaus aus der Stadt und entschied sich, erst einmal ein Stück Richtung Wald zu gehen, um in seinem Schutz in die Nähe von Hafrens Hütte zu kommen. Sie hatte eine verseuchte Pflanze in ihrem Korb und ging zu einer Nekromantin. Sicher keine gute Kombination, wenn das jemand bemerkte.

Hafrens Hütte lag dicht an den Stadtmauern. Eine Katze saß vor der Tür und stand auf, als Neasa in ihre Nähe kam. Sie ging in die Hocke, um das Tier an ihren Fingern riechen zu lassen. Die Katze schnupperte und rieb dann ihren Kopf an Neasas Hand.

„Gehörst du Hafren oder sitzt du nur so hier?“

„Es ist mein Kater.“ Hafren öffnete die Tür. „Mit irgendjemanden muss ich ja sprechen, wenn die Menschen es schon nicht tun.“

Neasa kam aus der Hocke hoch. „Wie geht es dir?“

„Besser als gestern.“ Hafren schaute sich zu beiden Seiten um. „Komm rein, ich denke, ich habe ein paar Dinge erfahren, die du wissen solltest.“

Der Kater ging mit ihnen in die Hütte und setzte sich auf Hafrens Bett. In den Regalen standen Fläschchen mit Kräutern, die Neasa alle gut bekannt waren. Auf einem Tisch vor dem kleinen Fenster lagen verschiedene Knochen von Tieren. Neasa erkannt auf die Entfernung einen Mäuseschädel und den Oberschenkelknochen eines Eichhörnchens.

Was sie wohl damit macht?

„Möchtest du einen Tee?“, fragte Hafren.

„Ja, gerne.“

Die Nekromantin lächelte. „Du bist eine der wenigen, die sich traut, etwas von mir zu trinken.“

„Warum sollte ich nicht?“

„Ich könnte dich in eine gruselige Untote verwandeln.“ Hafren hob die Hände und bewegte ihre Finger, wie es sich die Menschen vorstellten, dass man jemanden verzauberte.

„Ich denke nicht, dass du das kannst.“ Neasa schaute zum Kessel.

Hafren tauchte die Kelle in den Kessel und goss anschließend eine rote, dampfende Flüssigkeit in einen Holzbecher. „Meinst du?“

Neasa nahm den Becher entgegen. „Ich bin mir sehr sicher.“

Hafren grinste. „Aber als Nekromantin muss ich doch mit einem Fingerschnippen eine ganze Arme aus Untoten heraufbeschwören können, die um Mitternacht bei Vollmond wie eine Horde Wölfe über die Stadt herfallen und alle Bewohner umbringt.“

Neasa nahm einen Schluck von dem Tee. Er schmeckte angenehm süß. Dann stellte sie den Becher auf den Tisch. „Selbst wenn du das so könntest, warum solltest du es tun?“

„Weil ich als Nekromantin grundsätzlich bösartig und verschlagen bin.“ Hafren reckte das Kinn. „Die Toten haben auf mich zu hören, sich mir allein zu unterwerfen. Ich bin ihre Gebieterin.“

Neasa schmunzelte. „Irgendwie mag ich nicht glauben, dass das so einfach ist. Aber ich weiß, wie leichtgläubig die Menschen sind. Von uns Druiden erwarten sie, dass wir alle Pflanzen in Augenblicken erblühen, ganze Wälder wachsen und … Na ja, den Rest wirst du dir denken können.“

Hafren schüttelte den Kopf. „Ja. Es ist kein Unterschied zu dem, was ich kenne. Ich könnte die Toten durchaus zwingen, aber dann habe ich sie im schlimmsten Fall zum Feind und etwas gegen sich zu haben, was nichts mehr zu verlieren hat, ist nie gut.“

„Da hast du recht.“

„Es gibt sicher Nekromanten, die das tun.“ Hafren ging zu ihrem Tisch und nahm den Mäuseschädel in die Hand. „Aber ich sehe mich als Mittlerin zwischen den beiden Welten. Ich komme gut aus mit den Toten.“

Damit hatte sie Neasa das Stichwort gegeben. „Zwei Welten und was ist diese Zwischenwelt, von der du gestern gesprochen hast?“

„Es dauert eine Weile, bis die Seele sich ganz vom Körper getrennt hat und so lange befindet sie sich in einer Welt zwischen Leben und Tod. Ich kann meinen Geist auf diese Ebene versetzen und dort habe ich auch die Seele der Pflanze gesehen. Dabei ist sie nicht tot.“

Neasa setzte ihren Korb ab, nahm vorsichtig den Topf heraus und stellte ihn auf den Tisch. „Sie lebt, braucht Wasser und Sonnenlicht. Ich habe in den zwei Jahren viele Studien in die Richtung durchgeführt. Fehlt etwas von den beiden, geht sie ein.“

„Trotzdem höre ich sie, was ich bei anderen Pflanzen nicht tue. Also ist sie auch tot.“

„Kann sie denn beides sein?“ Es klang so unwirklich, aber nach allem, was sie jetzt wusste gleichzeitig richtig.

Hafren wandte ihren Blick von der Pflanze ab und sah zu Neasa. „Ihre Seele ist in der Zwischenwelt ihr Körper noch hier und lebt. Sie kann es.“

„Das dreht alles auf den Kopf. Ich habe in den letzten zwei Jahren so oft auf der Stelle getreten und kam einfach nicht weiter. Das Wenige, was ich herausgefunden habe, ist an einer Hand abzuzählen. Aber deine Sicht auf das Ganze ändert alles. Es öffnet ganz neue Türen.“

„Und was willst du jetzt damit anfangen, Seuchendruidin?“, fragte Hafren.

Eine gute Frage. Neasas Verstand versuchte noch alles Neue zu verarbeiten und es in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Gleichzeitig war da auch die mahnende Stimme Hafren nicht zu sehr zu vertrauen. Neasa kannte sie schließlich kaum. Auf der anderen Seite waren sie beide Ausgestoßene, wenn auch Neasa anders davon betroffen war. Wenn sie einander nicht trauen konnten, wem dann? Außerdem litt Hafren unter den Stimmen.

„Kannst du eine Seele aus der Zwischenwelt holen?“, wollte Neasa wissen.

„Könnte ich.“

„Dann lass uns unsere Kräfte bündeln und sehen, was passiert.“

Hafren biss sich auf die Unterlippe. „Ich bin eigentlich nicht dafür, dass man die Seelen zurück in ihre Körper führt. Solche Art der Totenbeschwörung endet in der Regel immer schlecht. Allerdings …“ Sie richtete ihren Blick wieder auf die Pflanze. „Ist sie nicht tot.“ Hafren nickte. „Also gut, lass es uns versuchen.“

Neasa musterte die Nekromantin. „Wenn dir nicht wohl dabei ist, dann lass es bitte. Ich möchte dich weder zu etwas zwingen noch in etwas hineinziehen, wofür du vielleicht die Konsequenzen tragen musst.“

Hafren fing an zu lachen. „Was für Konsequenzen denn? Ich bin schon für vogelfrei erklärt, lebe außerhalb der Stadt. Was soll mir denn noch passieren? Und wenn mir nichts anderes mehr bleibt, dann habe ich meine Möglichkeiten, mich zur Wehr zu setzen. Glaube mir. Es gibt ein paar Gerüchte über Nekromanten, die durchaus ihre Berechtigung haben.“

„Also gut. Wenn du dir sicher bist?“

„Ja.“ Hafren stemmte die Hände in die Hüften. „Wenn es einen Weg gibt, diese nervigen Stimmen in meinem Kopf loszuwerden, dann helfe ich dir. Ich bin es leid, alle paar Tage zusammenzubrechen.“

Das war ein Argument, was Neasa absolut nachvollziehen konnte. „Dann lass uns beginnen.“

Sie spannte ihre Hände rechts und links neben der Pflanze auf, sodass sich ihre Daumen noch berührten. Hafren tat dies aus der anderen Seite. Die Fingerspitzen von Nekromantin und Druidin stießen gegeneinander. Sie nickten sich zu.

Über Hafrens Augen legte sich ein grauer Schleier, wie auch schon bei ihrem ersten Besuch in der Zwischenwelt.

Was …? Diese Kraft, sie kommt von Hafren?

Neasas Fingerspitzen kribbelten. Ein Wind ging durch die kleine Hütte und wirbelte Hafrens Haare auf. Die Temperatur sank gefühlt zum Gefrierpunkt. Die Katze sprang vom Bett und setzte sich darunter. Nur ihre Nase schaute noch hervor.

Neasa schloss die Augen, bat die Natur um ihre Hilfe. Ihre Hände wurden heiß, als würde sie direkt vor dem Feuer stehen. Etliche kleine Lichter erschienen um die beiden herum und Neasa leitete sie an die Pflanze weiter. Sie gingen in die Erde und ein weißer Schleier legte sich wie Wundsalbe auf den Stängel und die Blätter, trieb den grünen Schein der Seuche vor sich her, bis er am obersten Blatt den Kontakt verlor und verpuffte.

Die Pflanze richtete sich auf, als hätte sie nach Monaten wieder Wasser bekommen. Und sie blieb in ihrer Form.

Das Blau in Hafrens Augen kam wieder zum Vorschein. Schweiß lief an ihren Schläfen entlang, sie atmete schnell. War es doch noch zu früh für sie gewesen?

„Die Stimme …“ Hafren schaute zu Neasa, dann auf die Pflanze. „Sie ist weg. Sie war so laut, jetzt höre ich nur noch den Wald selbst.“

Neasa lauschte. Von der Pflanze ging ein lieblicher Klang aus. So wie sie es gewohnt war. „Ich höre sie wieder. Ich höre sie ganz deutlich.“

Die beiden Frauen sahen einander an und das Lächeln in ihren Gesichtern wurde immer größer. Neasas Herz schlug schnell. Sie hatten eine Pflanze von der Seuche befreit, also musste es auch für die anderen möglich sein. Dieser Schritt war gewaltig gewesen.