Kapitel 4

Hafren zog die Decke über ihre Schulter und drehte sich um. Es war noch dunkel. Die Stimmen waren zurück. Sie flüsterten und raunten, mischten sich untereinander zu einem unverständlichen Brei aus Wortfetzen. Es klang wie der Versuch eines Kanons, aber jeder hatte einen eigenen Text, den er auch noch rückwärts sang.

Sie rieb über ihre Schulter und schlüpfte ganz unter die Decke. Der Wind pfiff um die Häuserecken, ließ die Fensterläden klappern und durch jede Ritze kam er in die Hütte hinein. Hafren zog die Beine an den Körper, aber auch das brachte nichts gegen die Kälte, die sich ihren Weg unter die Decke bahnte.

Na gut.

Hafren überwand sich aufzustehen. Gegen die Temperatur in ihrer Hütte war es im Bett doch noch wärmer. Sie eilte zur Feuerstelle in der Mitte des Raumes und legte dünne Holzstücke auf die letzten, schwach glimmenden Reste darin. Dazu eine Handvoll Stroh. Vorsichtig pustete Hafren die Glut an.

„Na komm schon.“

Ihr Kater sprang vom Tisch und schlenderte durch den kleinen Raum zu ihr. Er schmiegte sich um ihre Beine in der Hoffnung auf ein paar Streicheleinheiten. Hafren schmunzelte und strich über das dicke rote Fell. „Du warst eigentlich nicht gemeint.“

Der Kater schaute zu ihr hoch und maunzte beleidigt.

„Was kann ich denn dafür, dass du dich angesprochen fühlst?“

Maunz.

Hafren kraulte ihn unter dem Kinn. Er hob den Kopf und schloss die großen Augen.

Die Glut ging auf das Stroh über und brachte auch die kleinen Holzstücke zum Brennen. Hafren stand auf. Der Kater strich noch einmal um ihre Beine und entschied sich dann dafür, sich selbst in das Bett zu legen. Auf der Decke rollte er sich ein und gähnte herzhaft.

Hafren zog sich ihren Umhang über und verließ die Hütte, um größere Holzscheite zu holen. Eisige Luft kam ihr entgegen. Ihr Atem wurde zu kleinen Wölkchen. Der Himmel über dem Wald verfärbte sich rot. Die wenigen Wolken hoben sich in einem dunklen Violett davon ab. Bald würden sie von der aufgehenden Sonne von unten angestrahlt.

Hafren ging hinter die Hütte, wo sie ihr Feuerholz gelagert hatte. Direkt dahinter begann die Stadtmauer. Einen Platz hinter den schützenden Mauern hatte man einer Nekromantin nicht zugestehen wollen. Zu groß war die Angst gewesen, dass die Bewohner sie für ein Unglück verantwortlich machen würden und ihre Hütte in Brand steckten, der sich dann auf andere Häuser ausbreiten konnte. Oder dass Hafren eine Armee aus Untoten rufen würde, die dann über alles Leben in der Stadt herfielen. Die Menschen hatten einfach zu viel Fantasie und zu wenig Ahnung von dem was sie wirklich tat.

Sie trug so viele Holzblöcke, wie sie auf den Armen halten konnte, zurück in die Hütte.

Das Feuer war durch die Zugluft der offenen Tür weiter angefacht und bereit, dass dickere Holzstücke in den Kamin konnten. Ein hoher Rand aus Lehm und Steinen verhinderte, dass die Glut auf den Rest der Hütte übersprang. Hafren legte auf. Die Flammen nahmen besitzt von dem hellen Holz.

Hafren hielt kurz ihre Hände vor das Feuer. Als ihre Finger nicht mehr steif waren, holte sie einen Topf und hängte ihn an das Gestell über der Feuerstelle, um Wasser darin zu kochen.

Sie wusste nicht, wann Neasa zu ihr kam, aber wenn es so weit war, wollte sie ihr wenigstens etwas zu trinken anbieten können. Außerdem hatte sie Hunger.

„Die Seele der Pflanze hat sich nicht in dieser Welt befunden. Warum bin ich darauf nicht gekommen? Sonst hätte ich sie doch nicht einmal hören können.“ Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. „Diese Kopfschmerzen vernebeln meinen Geist. Das ist nicht gut.“

Hafren nahm den Tontopf mit dem Hafer aus dem Regal neben der Tür. Mit einer Kelle holte sie etwas von dem heißen Wasser aus dem Topf und gab es in eine Holzschüssel. Sie verrührte es mit zwei großen Löffeln Hafer.

Ihr Kater kam vom Bett herunter und setzte sich laut maunzend vor die Tür.

„Hast du auch Hunger?“ Hafren ließ ihn raus. „Aber bring mir nicht wieder eine Maus mit. Ich habe es satt, dass ich ständig den Ärger mit ihren Geistern bekomme, weil du mir ein Geschenk machen willst.“

Er drehte sich zu ihr um und neigte den Kopf.

„Du hast mich schon verstanden“, sagte Hafren, da war der Kater auch schon in den Büschen nahe dem Fluss verschwunden. Hoffentlich dachte er sich jetzt nicht, dass Hafren sich über einen Frosch freuen würde, wenn er mit den Mäusen bei ihr nicht mehr ankommen sollte.

Hafren kehrte an die Feuerstelle zurück und beobachtete die Flammen dabei, wie sie in der Zugluft tanzten. Der Herbst kam mit unübersehbaren Schritten näher. Was für ihre Vorratsschränke gut war. Sie fand Pilze und Kräuter im Wald. Letztere hingen zum Trocknen an einer Leine unter der Decke ihrer Hütte. Außerdem war das Obst reif und da die Bäume im Wald niemanden gehörten sammelte Hafren alles ein, was zu Boden gefallen war. Was sie einkochen konnte, machte sie auf diese Art haltbar für den Winter.

Die Wärme breitete sich im Raum aus und sie konnte an ihren Tisch gehen, ohne dort zu frieren. Zumindest das war der Vorteil ihrer kleinen Behausung. Sie erreichte einigermaßen schnell Temperaturen, die aushaltbar waren. Von Warm mochte Hafren dabei nicht sprechen.

„Wenn sich diese Pflanze in der Zwischenwelt befunden hat, dann muss es auch der Rest des Waldes.“ Hafren trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Sollte sie ihre Vermutung überprüfen? Sie streckte die Arme und legte ihren Kopf auf dem Tisch ab.

Ich würde gerne. Aber ich weiß nicht, ob meine Kraft dafür schon wieder ausreicht. Ich komme doch so schon kaum in die Nähe, ohne dass ich vor Kopfschmerzen ohnmächtig werde. Sollte ich lieber warten, bis Neasa hier ist? Dann könnten wir gemeinsam gehen. Vielleicht kann mir ihre Magie helfen mich zusätzlich abzuschirmen.

Gemeinsam. Ein seltsames Wort. Dass Hafren überhaupt noch die Bedeutung kannte, erstaunte sie. Seit sie im Kindesalter angefangen hatte mit den Toten zu sprechen, die natürlich außer ihr niemand sehen konnte, war sie an den Rand der Gesellschaft gewandert. Die Menschen mieden sie. Außer, sie wollten etwas von ihr. Dann war Hafren gut genug, aber auch nur, wenn sie ihnen sagte, was sie zu hören wünschten. Sie selbst zog es vor, sich von allen so weit fernzuhalten, wie es ihr möglich war.

„Neasa …“ Sie war der erste Mensch gewesen, von dem sie Hilfe bekommen hatte, ohne dass ein Hintergedanke der Grund dafür war. „Aber du bist auch in der gleichen Situation wie ich, nicht wahr?“, flüsterte Hafren.

Sie stand auf und ging ein paar Mal in der Hütte auf und ab. Neasa war für ihre Überzeugung auf einem Auge blind geworden. Was waren da ein paar Kopfschmerzen gegen? Sie schaute zu ihrem Magietisch.

Oder vielleicht gibt es da auch noch einen anderen Weg es zu erfahren. Warum war ich die ganze Zeit so verblendet?

Sie nahm einen Beutel zur Hand, der in der Schublade des Tisches untergebracht war und nahm den winzigen Schädel heraus.

„Du musst mir helfen, kleiner Freund.“ Es kribbelte, an der Stelle, wo der Knochen ihre Handfläche berührte. Ein Nebel legte sich den Schädel und schwebte schraubenförmig um ihn herum. Der Schädel hob sich ein Stück von Hafrens Hand. Pfötchen formten sich aus dem Grau, eine Schnauze schaute aus dem Knochen heraus, Augen glühten violett in den tiefen Höhlen. Ein Schwanz legte sich um Hafrens Daumen. Ohren erschienen über dem Knochen und richtete sich auf.

Die Geistermaus stellte sich auf die Hinterbeine und streckte die Arme. „Hafren, schön dich zu sehen.“

„Es freut mich immer deine Stimme zu hören.“

„Oh, die Freude ist doch ganz bei mir.“ Er verbeugte sich tief.

Hafren setzte die Maus auf dem Tisch ab. Die Gläser mit allerlei farbigen Pulvern hinter ihm schienen durch seinen halbtransparenten Körper hindurch. „Was kann ich für dich tun?“

„Ich möchte durch deine Augen sehen.“

Die Maus kratzte sich mit der Vorderpfote hinter dem Ohr. „Was willst du denn sehen?“

„Also.“ Hafren biss sich auf die Lippe und atmete dann noch einmal durch. „Es geht um den Elfenwald. Ich habe gestern eine Pflanze, die von dort stammt in der Zwischenwelt gesehen und jetzt würde ich gerne wissen, ob …“ Weiter kam sie nicht.

Ihr Kater kratzte an der Tür und meckerte so laut, dass Hafren wusste, sie würde jetzt keine Ruhe bekommen, bevor er wieder in der Hütte war.

„Entschuldige.“ Sie stülpte einen leeren Tontopf über die Maus und ging zur Tür. „Du bist aber schnell.“

Zum Glück kam er heute ohne Geschenk zurück. Sie ging in die Hocke, um ihn zu streicheln. „So und jetzt lass mich arbeiten, ja?“

Maunz. Er setzte sich auf ihr Bett und beobachtete sein Frauchen mit aufmerksamen Blicken. So verschlafen der Kater auch war, sobald sie an ihrem Tisch stand, war er hellwach. Am Anfang hatte Hafren sich eingebildet, er wolle auf sie aufpassen. Aber inzwischen fand sie es wahrscheinlicher, dass er nur Angst um sein Futter hatte. Oder, dass er bei einem neuen Frauchen nicht im Bett schlafen durfte, wenn er es wollte.

Hafren drehte dem Kater den Rücken zu und stellte sich so hin, dass sie den Tontopf verdeckte, als sie ihn wieder anhob. Die Maus hatte die Vorderpfoten verschränkt und die kleinen glühenden Lichter in dem Schädel sahen sie vorwurfsvoll an.

„Du weißt genau, dass er dich sehen kann“, brachte Hafren ihm als Entschuldigung entgegen.

„Warum lässt du ihn überhaupt rein?“

„Weil er sich sonst reinkratzt.“

Die Maus tapste zum Tischrand. „Ist er jetzt eine Großkatze, oder …“

Der Kater richtete sich auf, als er die Maus entdeckte. Riechen konnte er sie nicht. So viel hatte Hafren schon rausgefunden.

„Nein, du bleibst da!“, wies Hafren ihn an und zeigte auf das Bett.

Ihr Kater dachte gar nicht daran. Er sprang herunter und rannte auf die Maus zu. Die hielt sich mit ihren kleinen Krallen an Hafrens Umhang fest und kletterte auf ihre Schulter. Der Kater wollte auf den Tisch springe, da packte ihn Hafren ihm Nacken. „Vergiss es, dass du mir hier wieder Chaos machst.“ Sie trug ihn zur Tür und setzte ihn davor ab. „Außerdem hast du ihn schon einmal gefressen. Das muss doch reichen.“

Zurück am Tisch sprang die Maus wieder herunter. „Das war knapp.“

„Du bist schon tot, lernst du nicht daraus?“

„Warum ist dieses Monster eigentlich noch bei dir?“, fragte die Maus, ohne auch nur mit einem Blick auf Hafren einzugehen.

„Soll ich dann Selbstgespräche führen? Falls du dich erinnerst, die Menschen haben eine gewisse Abneigung gegenüber anderen Menschen, die mit Toten sprechen.“

Die Maus schüttelte den Kopf. „Sicher, mit einer Katze kann man natürlich geistreiche Gespräche führen.“

Hafren zog eine Augenbraue hoch. „Sagt die Maus?“

„Ich bin tot.“

„Gut, sagte die tote Maus.“

Die kleinen Lichter leuchteten auf. „Du willst mich doch wohl nicht auf die gleiche Stufe wie dieses haarige Etwas stellen?“

Hafren schloss die Augen und ging in sich. Ganz ruhig bleiben. Für große Diskussionen hatte sie jetzt keine Zeit. Hafren trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Ihr Kater jammerte vor der Tür.

„Also, hilfst du mir jetzt, oder nicht? Es eilt.“

„Du hast mir ja noch gar nicht gesagt, worum es geht.“

„Ach so. Ja.“ Hafren fuhr sich durch die Haare. „Ich habe eine Pflanze aus dem Elfenwald in der Zwischenwelt gesehen, obwohl sie nicht tot war und jetzt wollte ich dich bitten, dass du zum Wald gehst und schaust, ob …“

„Tut mir leid.“ Die Maus schüttelte den Kopf. „Der Wald duldet keine Einmischung.“

„Keine Einmischung in was?“, versuchte sie etwas mehr Informationen herauszukitzeln.

„Auch das darf ich nicht sagen.“

Schade. Hafren drehte sich um und lief ein paar Schritte auf und ab. Mehr Platz war in der Hütte auch nicht. „Wurde Neasa deswegen angegriffen?“ Sie machte auf den Hacken kehrt.

„Neasa? Ist das diese Frau, die sie Seuchendruidin nennen?“

„Ja. Sie ist seit dem Schlag der Weide auf dem linken Auge blind.“

„Davon kann man wohl ausgehen.“ Die Maus ging auf alle Viere. „Gibt es noch etwas?“

„Kannst du mir wirklich nichts Weiteres sagen?“

„Hm.“ Die Maus ließ ihren Blick an Hafren entlangwandern. „Traue keinem Elf.“

„Wie soll ich das jetzt verstehen?“

„Das musst du selbst herausfinden. Allein das war schon zu viel. Kannst du mich jetzt wieder freigeben? Ich war gerade dabei einen hübschen Neuzugang …“

Hafren hob die Hand. „Ist gut. Keine Details. Danke, für deine Hilfe.“

„So viel war es nicht.“

„Doch, du hast mir ein paar Anregungen gegeben.“ Hafren gab den Geist frei. Der Schädel fiel auf die Tischplatte. „Danke Kleiner, das wird uns hoffentlich weiterbringen.“