Kapitel 3

Ruhe. Keine Stimmen, die zu Hunderten durcheinander sprachen und dabei immer lauter wurden. Hafren sog den Moment in sich auf. Keine Kopfschmerzen. Alles war leicht und ruhig. So konnte es bleiben. Aber sie wusste, dass ihr dieser Wunsch nicht erfüllt wurde. Wie immer.

Es roch nach Zitronenmelisse. Ein Feuer knisterte. Etwas blubberte. Es war warm. Wie früher, wenn sie morgens aufgewachte war und ihre Großmutter den Haferbrei für das Frühstück zubereitet. Sie hatte ihn für Hafren immer etwas mehr mit Honig gesüßt und manchmal, wenn sie einen guten Monat gehabt hatte, dann war der Brei mit Obstmus verfeinert.

Die Erinnerungen verstärken diesen Moment, in dem Hafren nach Wochen sagen konnte, dass es ihr gut ging. Gleichzeitig wurde ihr schwer ums Herz. Der Gedanke an ihre liebevolle Oma, die sie großgezogen hatte, während ihre Eltern als Tagelöhner gearbeitet hatten, schmerzte.

Hafren blinzelte. Über ihr war eine Holzdecke, auf der Licht und Schatten miteinander in weichen Übergängen tanzten. Sie drehte den Kopf zur Seite. Die junge Frau, die ihr auf dem Markt geholfen hatte, saß an einem abgenutzten Holztisch. Vor ihr stand eine Pflanze im Topf, die Hafren eindeutig dem Elfenwald zuordnen konnte. Ihre Blätter hingen herunter, waren aber gleichzeitig von lebendig kräftigem Grün.

Die Frau beugte sich über ein Buch, hatte eine Feder in der Hand und schrieb Zeile um Zeile. Nur zwischendurch unterbrochen, wenn sie neue Tinte aufnehmen musste.

Hafren räusperte sich, um die Frau nicht zu erschrecken.

„Oh, du bist wach.“ Die Frau legte die Feder in eine Halterung und sah zu Hafren.

Die Kopfschmerzen hatten ihr auch die Sicht genommen, sodass sie das Gesicht der Frau auf dem Markt kaum hatte erkennen können. Die hellbraunen Haare, die ihr Gesicht umrahmten, waren alles, was sie über das Aussehen von ihr hätte sagen können, wenn man sie jetzt nach einer Beschreibung gefragt hätte.

Hafren setzte sich auf. Ein Tuch fiel von ihrer Stirn auf ihren Schoß. Ach, daher der Geruch.

Die Frau stand auf und kam zu Hafren an das Bett. „Geht es dir besser?“

Hafren nickte. „Ja. Danke.“ Sie wollte sich an die Bettkante setzten, da zog sich die Frau einen Hocker heran und nahm an ihrer Seite Platz.

„Du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt.“

Hafren musterte sie. Zwei Narben zogen sich über ihr trübes linkes Auge. „Ach, du bist Neasa“, stellte sie fest.

„Mein Ruf eilt mir schon wieder voraus.“ Neasa lachte kurz, dann wurde sie ernst. „Und du bist Hafren, die Nekromantin.“

„Ja, das ist richtig. Danke für deine Hilfe.“

„Dafür nicht.“ Neasa schüttelte den Kopf. „Es ist erschreckend, dass sich sonst niemand berufen gefühlt hat.“

Hafren seufzte. „Wenn du mit den Toten sprechen kannst, musst du damit rechnen, dass die Lebenden es nicht tun.“

„Passiert dir so etwas wie heute oft?“

„Nicht in so extremer Form.“ Hafren faltete das Tuch mehrfach. „Aber ja. Viele haben eine völlig falsche Selbsteinschätzung, was ihre Beziehungen zu anderen angeht.“

„Warum tust du es dann?“, fragte Neasa.

Hafren schaute zu ihr und diesmal legte sich ein ehrliches, sanftes Lächeln auf ihre Lippen. „Weil es Menschen gibt, für die es wichtig ist, noch einmal mit ihren verstorbenen Angehörigen zu sprechen. Dann können sie in Frieden ruhen.“

„Diese Frau von ihm war sie eine davon?“

„Ja, auch wenn der Auftrag von ihm kam. Sie hat ihm endlich alle Wut entgegenbringen können, die sie zu Lebzeiten zurückhielt. Jetzt ist sie wirklich frei von ihm.“ Hafren stand auf. Auch wenn die Kopfschmerzen fort waren, fühlte sie sich noch schwach. Sie wollte nach Hause und sich dort hinlegen. Nach einem Schritt weg von Neasas Bett fiel ihr Blick auf die Pflanze auf dem Tisch. „Die ist aus dem Elfenwald?“

„Richtig.“ Neasa ging zum Tisch und stützte sich mit einer Hand darauf ab. „Mein letztes Forschungsobjekt ist … Nun ja.“ Sie zeigte mit hängenden Schultern auf den zweiten Topf mit den Überresten einer Pflanze.

Zumindest vermutete Hafren stark, dass es sich um eine solche gehandelt haben musste. Viel mehr als der Staub, der auch zurückblieb, wenn man ein verwelktes Blatt in einen Mörser legte, war nicht übrig.

„Ich habe versucht …“ Neasa verstummte, als Hafren die Hand hob und dann etwas von dem Staub in zwischen Daumen und Zeigefinger nahm.

Sie schloss die Augen. Auch wenn sie wusste, dass sie ihre Kräfte schonen sollte, so leitete sie etwas in ihre Fingerspitzen. Sie wollte sehen, was Neasa getan hatte und spüren, was mit der Pflanze dabei geschehen war.

Ein grauer Schleier legte sich über ihre Sicht. Neasa erschien ihr als verschwommene Gestalt, bei der sie die Details ihres Äußeren nur noch erahnen könnte. Alles nicht Lebende verschwand vollständig. Hafren schaute sich um. Ein Licht, ähnlich einem Glühwürmchen, schwirrte dort, wo sich in der physischen Welt der Tisch befand.

Aber das ist ja … Die Pflanze? Was macht ihre Seele hier? Das verstehe ich nicht.

Behutsam bewegte sich Hafren auf das kleine Licht zu. Sie streckte ihre mentale Hand danach aus. Was machst du hier?

Ein stechend heißer Schmerz schoss durch ihren Arm und warf Hafren aus dem Zwischenreich. Sie fiel auf die Knie und hatte gleichzeitig das Gefühl, jemand würde ihren Brustkorb zusammendrücken, sodass sie keine Luft bekam. Kälte floss durch ihre Adern, umfasste ihr Herz wie eine Eisenfaust. Ihre Muskeln verkrampften sich.

Neasa fing sie auf, als Hafren nur noch den Boden auf sie zukommen sah und ließ sie auf die Seite sinken. Sie legte ihre Hand in Hafrens Nacken und schloss die Augen.

Ein warmes Pulsieren breitete sich von dort in ihrem Körper aus. Der harte Griff um ihre Muskeln lockerte sich. Hafren saugte die Luft gierig ein. Ihr Herz stolperte und schlug dann so schnell, als wolle es die verlorene Zeit wieder aufholen.

„Hafren?“ Neasa drehte sie auf den Rücken und bettet den Kopf auf ihren Beinen. „Was war das?“

„Zu viel“, antwortete Hafren schwach. „Ich höre die Stimmen des Waldes ununterbrochen in meinem Kopf. Sie sind so laut. So unendlich laut. Ich kämpfe dagegen an, versuche mich vor ihnen in ein Schild aus Magie zu hüllen. Aber das zerrt an meinen Kräften.“

„Deswegen bist du zusammengebrochen.“

„Ja. Mein Kopf platzt fast vor Schmerzen, ich sehe kaum noch etwas, wenn es wieder so weit ist.“

„Hast du das vor der Seuche auch schon gehabt?“

„Nein. Es kam erst mit ihr. Ich kann nicht in die Nähe des Waldes. Dann ist der Schmerz so stark, dass sich sofort …“

„Ist schon gut.“ Neasa hob den Arm und nahm einen Holzbecher vom Tisch. „Trink was.“

„Die Pflanze.“

Neasa blinzelte. „Die Tote?“

„Nein.“ Soweit es Hafren möglich war, schüttelte sie den Kopf. „Die auf dem Tisch. Sie ist in der Zwischenwelt. Da sind sonst nur die …“ Ihre Lider waren schwer. Die Augen fielen ihr zu. „Es tut mir leid. Ich habe keine Kraft mehr. Bitte, hilf mir, dass ich nach Hause komme.“

„Bist du sicher? Du kannst gerne bei mir bleiben.“

„Nein, zu Hause, da habe ich meinen Schutz. Da kann ich …“

„In Ordnung, spare deine Kräfte. Ich bringe dich heim und morgen reden wir.“

„Ja, das werden wir.“