Kapitel 2

Grüne Nebelschwaden schmiegten sich um die Pflanzen des Waldes. Sie zogen entgegen der Richtung des lauen Windes, hüllten die Stämme der dicken Bäume ein, streichelten die Blätter der Pflanzen. Wie eine leichte Decke legte er sich auf den Boden, ganz wie Neasa ihre Pflanzen zu Beginn des Frühlings noch mit einem dünnen Vlies vor der Kälte schützte.

Alles ist so friedlich. Neasa ballte die Fäuste. Sie dürfen es nicht niederbrennen.

Neasas Zehenspitzen berührten den Stein, den sie ein Stück in die Erde eingegraben hatte, als die Seuche über den Wald hereingebrochen war und den Elfen ihre Lebensgrundlage genommen hatte.

Es kommt nicht näher. Es bewegt sich nicht zurück. Es ist einfach da.

Sie öffnete ihren Geist für die Stimmen des Waldes. Auch wenn Neasa sie für Außenstehende gerne als Worte beschrieb, so war die Stimme doch eher eine Melodie. Da war das dumpfe Dröhnen eines der ältesten Bäume mit seinem Stamm, groß wie ein Haus, die sanften Töne des Mooses, das ihn bis auf einen Meter hoch bedeckte und das glockenspielartige klingen der jungen Bäume, die davon träumten, auch einmal so hoch in den Himmel zu wachsen.

So hörte sich der Wald auf Neasas Seite an. Hinter der Grenze waren die ganzen Töne verzerrt. Ein Durcheinander, aber gleichzeitig auf bizarre Weise aufeinander abgestimmt.

Neasa stellte ihren Beutel auf den Boden und nahm die Maske heraus. Geformt wie ein Rabenschädel mit Schutzgläsern vor den Augenöffnungen. In den Schnabel legte sie eine Mischung aus Kräutern, die sie vor der Seuche schützen sollten, und zog ein paar Handschuhe an und nahm ein Glas aus dem Beutel. Sie schraubte den Deckel ab. Der Nebel schlang sich wie ein Krake, der sein Opfer mit sich in die Tiefe ziehen wollte, um ihre Beine und wanderte dann an ihr hoch, als sie den Wald betrat. Er umschloss ihre Hüften, ihren Bauch, legte sich über ihre Schultern wie eine kalte Hand.

Behutsam bewegte sich Neasa vorwärts. Der Boden federte unter ihren Füßen. Es raschelte neben ihr. Ein Vogel sah sie aus dem Gebüsch heraus an.

Ich will nur helfen. Bitte. Ich will euch allen nur helfen.

Sie behielt den Vogel im Blick, als sie in die Hocke ging. Neasa grub eine Pflanze aus, die nur flache Wurzeln besaß und legte sie mitsamt der Erde im Deckel ab, dann stülpte sie das Glas darüber, um alles zu schließen.

Der junge Baum neben ihr hob eine seiner Wurzeln an. Ein Eichhörnchen kam den Stamm herunter und blieb mit Neasa auf Augenhöhe.

„Ich will doch nur helfen“, flüsterte sie. Durch die Maske klang ihre Stimme dumpf und unheilvoll. Dabei wollte sie doch das Vertrauen des Waldes gewinnen.

Mit vorsichtigen Schritten zog sie sich zurück hinter die Grenze. Das Eichhörnchen und der Vogel folgten ihr, bis sie sahen, dass die Druidin wieder auf ihrer Seite des Waldes war. Kaum hatte sie die unsichtbare Mauer durchschritten, floss der Nebel wie ein Wasserfall an ihr herunter und blieb im Elfenwald.

Sie nahm ihren Schutz ab und steckte ihn in die Tasche, die sie zurückgelassen hatte. Dann begutachtete sie die Pflanze.

Ich verstehe es nicht. Das kann keine normale Seuche sein. Warum zieht sie sich zurück, sobald ich den Wald verlasse und dort wäre sie ohne Schutz tödlich. Es muss sich um Magie handeln. Was sollte sonst dazu in der Lage sein?

Nur war es eine Magie, die Neasa vollkommen unbekannt war. Stunden hatte sie in der Bibliothek verbracht, hatte dort nächtelang gelesen und war nie zu einem Ergebnis gekommen.

Ich muss sehen, ob die Elfen mit ihrem Plan überhaupt Erfolg haben können. Etwas in mir sagt, dass es nicht funktionieren wird. Aber ich muss etwas in der Hand haben, um es zu beweisen. Sonst wird wieder niemand auf mich hören.

Vorsichtig stellte sie das Glas in die Tasche und ging dann noch einige Meter mit Respektabstand an dem Wald entlang, bis eine Weide mit ihren langen, bis zum Boden hängenden Ästen in ihr Sichtfeld kam.

Vor der Seuche war Neasa gerne hier gewesen, hatte in ihrem Schatten gesessen und der Stimme des Waldes gelauscht. Die Äste hatten sich immer im leichten Wind bewegt und waren zu einem Rauschen geworden, das Neasa nur zu gerne mit den Wellen des Meeres verglichen hatte.

Es war auch ihr erster Anlaufpunkt gewesen, als die Seuche ausgebrochen war. Jetzt stand der Baum bewegungslos dort, wie die Soldaten, die das Stadttor bewachten und sich nur bewegten, wenn ein Fremder eintreten wollte. Sonst hatten sich seine Zweige im Wind gewiegt.

Sie machte einen Schritt auf die Weide zu, behielt dabei immer die langen Äste im Blick. Ein leichtes Pochen meldete sich hinter ihrem linken Auge. Vor der Seuche hatte sie oft mit diesem Baum kommuniziert. So viele Erinnerungen, so viel Wissen hatte er mit ihr geteilt und unzähligen Tieren während seines Lebens ein Zuhause gegeben.

Neasa zog die Augenbrauen zusammen. Sie ertrug den Schmerz, der sich zu einem heißen Brennen wandelte und über ihre Nerven zum Ohr über die Stirn und in ihren Kiefer schoss. Neasa legte die Hand auf die linke Gesichtshälfte. Ihre Haut erwärmte sich.

„Was soll das? Du hast mich alles gelehrt, was es über den Wald zu wissen gibt. Jetzt will ich dir helfen. Warum greifst du mich an?“, rief sie der Weide entgegen.

Das Brennen auf ihrer Haut nahm zu. Der Schmerz umspannte ihren gesamten Kopf und die Stimme des Seuchenwaldes grollte drohend wie ein Erdrutsch. Neasa fiel auf die Knie, drückte die Hände an die Schläfen.

Sie hatte gewusst, dass es passieren würde. Sie war auch nach dem Angriff der Weide immer wieder an diesen Ort zurückgekehrt, um dem Wald zu zeigen, dass sie auch jetzt keine Wut auf ihn hatte. Bisher hatte sie sich jedoch zurückgezogen, sobald der Schmerz einen gewissen Grad überschritt. Diesmal nicht. Sie wollte ihn aushalten, sehen, wie weit der Wald ging, um sie fernzuhalten. Dass er nicht ihren Tod wollte, darauf vertraute Neasa. Die Weide hätte ihr damals schon mehr als nur ihr Augenlicht nehmen können.

Schwindel kam über sie, alles tauchte sich in einen Nebel aus Schmerz und Übelkeit, dann trat sie vollständig weg.

 

Du bist hier nicht erwünscht. Verschwinde.

 

Neasa bewegte ihre Finger. Feuchter Boden sammelte sich unter ihren Nägeln. Neasa blinzelte mehrfach, bis die Umgebung wieder klar wurde. Die Weide stand dort, ohne eine Bewegung eingehüllt im Seuchennebel. Ein Reh schaute dahinter hervor und zog sich zurück, als Neasa sich auf die Knie setzte. Sie massierte sich mit beiden Händen die Schläfen. Die Kopfschmerzen waren verschwunden und die Reste der Benommenheit verließen ihren Körper.

„Warum … Warum willst du dir nicht helfen lassen? Sag es mir doch.“

Wieder begann das Pochen hinter ihrem Auge. Neasa ließ die Schultern hängen und drehte dem Wald den Rücken zu. Mit jedem Schritt, den sie sich von ihm entfernte und in Richtung der Stadt ging, wurde das Pochen weniger, bis es schließlich ganz verschwand. Vom Aufgeben war sie jedoch weit entfernt. Sie würde weitermachen. Solange sie noch eine Möglichkeit dazu hatte.

 

Die Mauern der Stadt zeigten sich hinter den Kronen der Bäume, der Turm, in dem alle magischen und astronomischen Forschungen betrieben wurden, ragte in der Mitte hoch empor. Die Wachen an den Toren standen unbewegt wie Statuen davor und ließen Neasa ohne einen Kommentar vorbei.

Direkt hinter den Toren lag der Markt der Stadt. Bauern und Handwerker aus der Umgebung boten hier ihre Waren an. Die Stadt war bekannt für ihr Töpferhandwerk. Besucher kamen von weit entfernten Orten, um sich hier Krüge, Töpfe und Kannen zu kaufen oder speziell nach ihren Wünschen anfertigen zu lassen. Zwei Stände waren jedoch seit der Seuche leer. Der Flussfischer hatte sein Geschäft aufgeben müssen, sowie auch die Dame, die aus den Kräutern des Elfenwaldes heilende Salben und Tinkturen herstellte. Besonders bei Letzterer hatte Neasa gerne eingekauft. Auf Basis ihrer Rezepte war auch die Kräutermischung entstanden, die Neasa in der Maske trug. Lange würde ich Vorrat nicht mehr reichen.

Sie blieb bei einer Bäuerin stehen, die neue Eier aus der mit Stroh gepolsterten Holzkiste in die Auslage legte.

„Grüße dich“, sagte Neasa.

Die Bäuerin schaute auf. „Ah, du bist es. Was darf es sein?“

„Zwei Eier und hast du noch ein paar Rüben?“

„Aber sicher doch.“ Sie stemmte ihre Hände in die kräftigen Hüften. „Die gehen mir doch nie aus.“ Die Bäuerin drehte sich um und zog einen Sack hervor. „Wie viele brauchst du denn?“

„Nur eine. Oder warte, ich nehme drei.“

„Ganz wie du willst Mädchen.“ Sie nahm die Rüben aus dem Sack und reichte sie Neasa herüber. Neasa tauschte sie gegen ein dickes Tuch, indem die Bäuerin die Eier wickelte.

„Was bekommst du?“

„Nichts meine Liebe.“

Neasa neigte fragend den Kopf. „Nichts?“

„Dank deiner Hilfe geht es meiner Henne wieder gut. Sie kratzt sich nicht mehr und ihre Feder wachsen langsam nach. Sieh es als Dank an.“

„Das freut mich zu hören. Wenn du noch etwas brauchst, du kannst jederzeit vorbeikommen.“

Die Bäuerin nickte. „Das höre ich gerne.“

Neasa steckte alles in ihren Beutel und wollte sich auf den Heimweg machen. Seit sie kein Teil der Druidengilde mehr war, fehlten ihr die Mittel, um groß auf dem Markt einzukaufen. Sie lebte von dem, was ihr kleiner Garten hergab und sie für die Dienste als Druidin von den Bewohnern bekam. Letzteres hatte die Gilde ihr zähneknirschend zugestanden, als man sich von ihr auf mehr oder weniger freundschaftlichen Wege getrennt hatte.

„Du bist eine Betrügerin!“

Neasa drehte sich bei der donnernden Stimme hinter ihr um. Ihr Herzschlag erhöhte sich, weil sie davon ausging, dass sie gemeint war. Dies war die zweite dunkle Seite von dem Austritt aus der Gilde. Neasa stand nicht mehr unter der schützenden Hand und so traf sie der Zorn, wenn etwas nicht wie gewünscht funktioniert hatte, mit voller Wucht.

Doch der alte Mann eilte an ihr vorbei, auf eine junge Frau zu.

„Wie kommst du darauf?“, fragte diese. Sie trug einen Umhang, dessen dunkelblaue Kapuze locker auf ihrem weißblonden Haar lag. Zwei dünne geflochtene Zöpfe schauten daraus hervor und gingen ihr bis zum Schlüsselbein.

„Meine Frau würde niemals solche Worte wählen, wie du es mir gesagt hast.“ Er baute sich vor ihr auf.

Die Frau hob das Kinn. „Es gibt vieles, was deine Frau dir nicht gesagt hat.“

„Aber dir?“, fragte er spöttisch. „Wir waren zwanzig Jahre verheiratet, wieso sollte sie mir solange die Treue schwören und nach dem Tod …“

Die Frau lächelte besänftigend und brachte den Mann damit zum Schweigen. „Ich bin nur eine Mittlerin zwischen den Lebenden und den Toten. Was zwischen euch gewesen ist, das liegt nicht in meiner Hand.“

Mittlerin? Ach, das ist Hafren!

„Du lügst. Sicher hast du nicht die Fähigkeiten, die du vorgibst.“

„Ich überbringe nur die Nachrichten der Seelen aus dem Totenreich. Mehr nicht und ich bin auch nicht dafür zuständig, die Fehler der Menschen nachträglich aufzuklären. Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt. Du hast noch einmal mit deiner Frau sprechen können.“

„Das sehe ich anders.“ Er packte Hafren am Kragen.

Eine Menschentraube hatte sich um sie gebildet. Männer, Frauen mit Kindern an den Händen, die sich hinter den Rücken ihrer Mütter versteckten und von der Neugierde getrieben hervorschauten. Aber niemand schritt ein.

„Aufhören!“ Neasa stellte ihren Beutel ab und drängte sich so entschlossen zwischen die beiden, dass der Mann losließ.

„Was mischt du dich ein?“, raunte er Neasa an. Wut funkelte in seinen Augen, die von tiefen Falten umrandet waren.

„Sie kann nichts für deine gekränkten Gefühle. Lass von ihr ab und kümmere dich um deine Angelegenheiten.“

„Was erlaubst du dir?“ Die Wut wandelte sich in Hass.

Angst vor ihrem eigenen Mut drängte sich bei Neasa in den Vordergrund. Aber sie hatte nicht einfach zusehen können, so wie die anderen um sie herum. Ob Betrügerin oder nicht, eine junge Frau so anzugehen, ging für Neasa zu weit. Damit durfte er nicht durchkommen.

„Hast du deine Frau auch mit diesem Blick angesehen, wenn du meintest, sie hätte etwas falsch gemacht?“, fragte Neasa. Sie hatte einen Angriff einer Weide überlebt, die von einer Seuche kontrolliert wurde. Was sollte er ihr schon können?

„Ja, das hat er“, bestätigte die Mittlerin mit fester Stimme. Mit aufrechter Haltung kam sie hinter Neasa hervor und stellte sich neben sie. Dann senkte sie ihre Stimme. „Und noch mehr. Wenn du nicht willst, dass alle hier von deinem heiteren Liebesleben erfahren, dann lass mich in Ruhe und zahle bis morgen deine Schulden bei mir.“

Der Mann zog den Kopf zurück und wich einen Schritt von den beiden Frauen. Sein Blick wanderte von Neasa zu Hafren. Dann drehte er sich um. „Glaub nicht, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben, Nekromantin.“

„Nein, du bezahlst noch deine Schulden und dann haben wir uns das letzte Mal gesehen…“ Sie verschränkte die Arme.

Der Mann eilte davon. Als er ganz aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, löste sich Neasas Anspannung.

„Danke für deine Hilfe“, sagte die Frau und setzte ihre Kapuze ab.

Neasa scheiterte daran, ihr Alter zu schätzen. Sie ging ihr gerade einmal bis zur Schulter, ihr schmales Gesicht und die großen dunklen Augen ließen darauf schließen, dass sie gerade einmal dem Kindesalter entwachsen war. Aber die Entschlossenheit, ihr ganzer Ausdruck, ihre selbstbewusste Haltung und die Tatsache, dass sie mit den Toten sprechen konnte, sagte Neasa, dass sie älter sein musste. Die Nekromantie war die gefährlichste Form der Magie und es dauerte viele Jahre, bis man sie wirklich beherrschte.

„Gern geschehen.“

„Für die Menschen ist Ablehnung schwer zu ertragen.“ Hafren seufzte und schüttelte den Kopf. „Dabei ist es nicht meine Schuld, wenn sie so dumm sind und mit den Toten sprechen wollen, die sie offensichtlich betrogen haben.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich wollte dieses Druckmittel eigentlich nicht einsetzen, aber er hat mich ja dazu gezwungen.“

„Kommt das öfter vor? Also, dass man dich anschließend angeht? “

„Ja. Das Bild, was wir von uns selbst haben, unterscheidet sich oft von dem, was andere von uns haben. Gerechtfertigt oder nicht.“

„Das tut mir leid.“

„Ach.“ Die Nekromantin machte eine Handbewegung, um es herunterzuspielen, dabei zitterten ihre Beine. „Ich bin es gewohnt und es gibt auch die schönen Erfahrungen.“

Da auch Neasa in die gleiche Richtung musste, entschied sie sich ihren Weg gemeinsam mit ihr fortzusetzen, falls der Mann versuchte, sie noch einmal aufzulauern.

Sie hatten die größeren Menschenansammlungen des Marktes hinter sich gelassen, als die junge Frau plötzlich zu schwanken begann und sich an einer Hauswand abstützte.

„Was hast du?“, fragte Neasa.

„Ich …“ Bevor sie ihren Satz beenden konnte, brach Hafren zusammen.