Kapitel 11

„Autsch!“

„Nicht so laut, du weckst sie auf.“

Neasa blinzelte. Verschwommen erkannte sie die Höhle um sich herum, in die Taemin sie und Hafren gebracht hatte. Verdammt. Wie lange war es her, dass sie die Augen geschlossen hatte, um etwas zu ruhen? Der Rattendruide war ihnen zwar freundlich gegenüber gewesen, aber schlafen hatte sie nicht wollen. Bloß nicht die Aufmerksamkeit verlieren.

„Dann pass besser aus.“

„Wieso ich? Du bist der, der sehen kann.“

Neasa rieb sich die Augen. Was war ihr letzter Gedanke gewesen, bevor es dunkel geworden war? Das Rattenvolk. Ja, genau. Sie hatte darüber gegrübelt, was in Anarus Buch über sie gestanden hatte, aber es war ihr nicht eingefallen.

Der trübende Nebel des Schlafes verschwand und sie erkannte den Rattendruiden am Eingang der Höhle mit einem Stab in der Hand aus dessen Ende ein Rabenschädel steckte. Ein außergewöhnlich großer Rabenschädel mit violett glimmenden Punkten in den Augenhöhlen.

„Jetzt hast du sie geweckt“, sagte der Druide vorwurfsvoll.

„Ach, das merkst du natürlich wieder, aber mich vorher gegen die Wand …“

„Karasu, denk an die Nekromantin. Sie braucht Ruhe.“

Ist das etwa der Schädel, der da spricht? Neasa kniff sich unauffällig in die Haut ihres Handrückens. Nein, sie schlief nicht mehr. Kurz sah sie zu Hafren und wünschte sich, dass sie auch wach wäre. Solche Wesen waren eindeutig mehr ihr Bereich.

Der Rattendruide kam auf sie zu, gestützt auf den Stab. „Entschuldige bitte, wenn du wieder von uns erschreckt wurdest.“

„Ist …“ Neasa starrte in das Leuchten der Augen des Rabenschädels. Kein Zweifel, er lebte. Sie spürte etwas um diesen Schädel pulsieren, wie es auch bei anderen Lebewesen war, aber irgendwie doch anders.

„Hast du noch nie einen Raben gesehen?“, wollte Karasu wissen.

„Doch, nur …“ Sie schluckte.

„Ja?“ Das Glimmen in den Höhlen zog sich zusammen zu einem einzigen hell leuchtenden Punkt. Der Unterkiefer stand leicht offen. Wie hielt er überhaupt am Rest des Schädels?

„Normalerweise ist an den Raben, die ich kenne, mehr …“ Sie überlegte, wie sie es am freundlichsten ausdrücken konnte.

„Ja?“, fragte Karasu noch einmal mit Nachdruck.

„Nun, mehr Körper.“

Der Rattendruide schmunzelte. „Lass uns in mein Arbeitszimmer gehen. Ich denke, es gibt einiges, was du wissen möchtest.“

Neasa konnte darauf nur nicken.

„Dann komm bitte mit.“ Der Druide gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen ihr zu folgen. Den Stab stellte er an die Wand.

„Was soll das?“, beschwerte sich Karasu.

„Ich möchte, dass du uns bescheid gibst, sobald die Nekromantin aufwacht oder du etwas auffälliges bemerkst.“

„Bin ich jetzt etwa …“

„Keine Widerrede“, fiel der Druide ihm ins Wort.

Karasu gab ein Geräusch von sich, das wie ein genervtes Schnauben klang. Nur knöcherner.

„Komm bitte und mach dir keine Sorgen um deine Freundin. Sie ist bei ihm in besten Knochen.“

„Ich …“ Neasa sah zu der schlafenden Hafren und stand dann auf. Als Nekromantin wird sie damit umgehen können.

Sie musste dem Druiden vertrauen. Auch wenn es ihr schwerfiel. Allerdings, wenn er und Taemin den beiden etwas hätten antun wollen, wäre im Schlaf die beste Gelegenheit gewesen.

Neasa folgte der Ratte. Der Weg zu seinem Arbeitszimmer war nicht weit und es erinnerte sie sehr an die Räume von Anaru. Das gab ihr ein Gefühl von Vertrautheit und eine gewisse Sicherheit. Überall standen Bücher, die meisten aufeinandergestapelt. Dazu kamen Flaschen, Gläser und kleine Tontöpfe in den Regalen.

Der Druide schob die Kapuze zurück. „Dann stelle mir doch einmal alle Fragen, die du auf dem Herzen hast, meine Liebe.“ Er faltete die Hände und die weiten Ärmel seiner Kutte rutschten darüber.

Neasa atmete tief ein. Der Geruch von Gewürzen lag in der Luft. „Da ist so viel.“

„Damit habe ich gerechnet.“ Er lächelte. „Und auch mit deinem Argwohn mir gegenüber.“

„Das … Es liegt nicht am Äußeren“, sagte sie schnell. „Euer Erscheinen kam nur etwas unerwartet und ich bin es gewohnt vorsichtig zu sein.  Ich habe in Anarus Büchern etwas über Euer Volk gelesen, aber ich kann mich leider nur noch an das Bild erinnern.“

„Oh.“ Die trüben Augen des Druiden hellten einen Moment auf. „Mir ist bewusst, dass es nicht unser Anblick ist, was dich überrascht. Das freut mich auch sehr, denn es mag auf einen Menschen durchaus befremdlich sein. Deine Vorsicht ist wichtig. Es gibt viele, denen man nicht trauen sollte.“

Befremdlich? Er neigt eindeutig zur Untertreibung. Eine mannsgroße Ratte, die auf zwei Beinen läuft, sprechen und kämpfen kann, wird wohl kaum jemand bisher gesehen haben.

„Und wenn du das Bild in Anarus Buch gesehen hast, dann sind wir uns gewissermaßen schon einmal begegnet. Ich stand für ihn Modell.“ Der Druide machte eine kurze Pause. „Es ist schon einige Jahre her. Heute würde er wohl Taemin wählen. Obwohl?“ Er kratzte sich am Ohr. „Vielleicht würde mein junger Freund euch Menschen doch zu viel Angst machen.“

„Gibt es noch mehr von euch?“

Das Leuchten in seinen Augen verschwand. „Nicht hier. Taemin und ich sind die einzigen, die geblieben sind, um über den Wald zu wachen. So wie es unser Volk schon seit ewigen Zeiten getan hat.“

„Ewige Zeiten“, murmelte Neasa. „Ihr sagtet Ihr seid Druide, habt Ihr von den Elfen gelernt?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie von uns.“

Das musste Neasa erst einmal verarbeiten. In ihrem Kopf drehte sich alles. „Aber die Elfen haben doch immer gesagt, sie wären die Begründer des Druidentums.“

„Wir waren es. Von uns haben sie gelernt die Kräfte der Natur zu nutzen. Als magisch begabten Volk fiel es ihnen natürlich leicht.“

„Moment, man hat mich immer gelehrt, dass man diese Kräfte hat oder eben nicht. Oder kann jeder der magisch begabt ist …“

„Traurig.“ Der Rattendruide schüttelte den Kopf. „Ja, es ist wirklich traurig.“ Er kam einen Schritt auf die zu. „Erlaubst du mir, dich zu berühren?“

„Ja.“

Er legte seine Hand auf ihre Stirn. Die winzigen Krallen an seinen Fringer drückten sich schmerzlos in ihre Haut. „Ein Herz, rein wie das Wasser des Kristallbaches der Berge. Und Macht. So viel davon.“

Es kribbelte an Neasa Stirn.

„Du bist stark. Sehr stark. So viel stärker als du es dir erträumst. Nur leider hast du niemals die Ausbildung genossen, die du brauchst, um sie zu wecken und zu kontrollieren.“ Er zog die Hand zurück.

„Ich verstehe das alles nicht.“

„Ich weiß.“ Er drehte sich um. „Als ich zu dir in die Höhle gekommen bin, habe ich gerade eine Kanne Tee gekocht. Lass uns eine Tasse trinken und ich werde dir ein paar Dinge über das Druidentum erzählen.“

„Ja, gerne.“

„Setz sich bitte.“ Er zeigte auf ein Kissen, dass auf dem Boden lag. Davor stand ein kleiner, runder Tisch.

Fasziniert beobachtete Neasa wie der Druide durch den Raum ging, kleine Tassen aus dem Regal nahm und ohne einen Tropfen zu verschütten den Tee eingoss. Als sie eines ihrer Augenlichter verloren hatte, hatte sie zu beginn all umgeworfen, was nicht mehr in ihrem Sehfeld gewesen war.

„Jeder kann Druide werden.“ Er setzte sich und nahm seine Tasse in die Hand. „Jeder kann sein Herz der Natur öffnen, nur haben viele Angst davor. Wenn ein Mensch durch den Wald geht, kann es leicht passieren, dass er die Natur spürt. Ein Windhauch, der einem Streicheln gleichkommt, das reicht schon. Das Gefühl, etwas zugeflüstert zu bekommen. Die meisten drehen sich um. Suchen nach dem Ursprung der Stimme und verstehen nicht, dass sie direkt bei ihm ist.“

„Ich habe diese Stimmen als Kind gehört. Es hat mir Angst gemacht.“

„Oh ja, das glaube ich. Und du hattest das Glück, dass jemand wusste, was es ist, nicht wahr?“

„Ja. Sonst hätte ich wohl gedacht, ich sei verrückt geworden.“

Er nahm einen Schluck Tee. „Du hättest dein Herz verschlossen, weil dir alle gesagt hätte, da wäre nichts und irgendwann, wenn die Natur gemerkt hätte, dass du die Verbindung nicht möchtest, dann hätte sie auch nicht mehr zu dir gesprochen.“

Das klang für Neasa nachvollziehbar.

„Die Menschen waren dem andersartigen schon immer skeptisch eingestellt. Es gab Versuche von uns, sich ihnen anzunähern, aber wir sehen uns euch einfach zu unähnlich. Außerdem haben unsere tierischen Verwandten keinen sonderlich guten Ruf bei euch. So brachen wir den Kontakt ab.“

„Aber die Elfen waren uns ähnlicher.“ Neasa schloss resigniert die Augen. „Erzählt mir mehr von den Druiden.“

„Unser Volk lebt im Wald, so war es schon immer. Ein enger Kontakt zur Natur ist uns wichtig. Auch Taemin ist ein Druide. Er hört die leisesten Stimmen des Waldes, welche, die nicht einmal ich vernehme. Bei euch Menschen geht die Ausbildung viel über das geschriebene Wort, das Lesen und Begreifen. Wir lernen durch fühlen. Wir gehen hinaus in den Wald, öffnen uns der Natur und lernen von ihr. Nicht von jemanden, der einen Titel trägt. Jeder hat seinen eigenen Zugang zu den Geistern des Waldes und zwingt dir jemand seinen Weg auf, den er auch schon von jemand anderem gelernt hat, wirst du nie deinen eigenen Weg nie finden.“

Sie hob den Kopf. „Also wie ich es immer getan habe. Raus aus der Universität und den Stimmen lauschen.“

„Ganz richtig. In dir schlummert viel. Dein Herz ist offen. Du hast wissen wollen, warum die Weide dich angegriffen hat, obwohl du nur helfen wolltest.“

„Ja, immer wenn ich in ihre Nähe kam, habe ich diesen Schmerz gespürt.“

„Du warst noch nicht bereit, es zu erfahren.“

„Was zu erfahren?“

„Die Wahrheit über die Elfen. Ich weiß von Anaru, dass ihr zu den Ley-Knoten wollt. Er sprach mit mir darüber. Auch über das, was er fühlte von dir. Dann wusste ich, du bist bereit.“

„Er … Moment mal. Die Tür bei Anaru, die angeblich geklemmt hat. Die zum Keller, von dem er gesagt hat, dass es dort sicher Ratten gibt, das hat er anders gemeint, als ich es verstanden habe, richtig?“

Der Druide fing an zu lachen. „Ich denke, jetzt hast du es verstanden. Ja, wir haben uns oft dort unten getroffen.“ Plötzlich hielt er inne. „Sie ist wach.“

„Hafren?“

„Ja. Das ist gut, dann kann ich euch beiden erzählen, was es mit den Elfen auf sich hat. Hafren wird das sicher auch interessieren.“