Kapitel 10

„Hafren!“ Neasa sah mit einem letzten Blick dem Rudel nach, dann rannte sie zu der Nekromantin. Die lag auf der Seite, ganz friedlich als wäre sie in einen angenehmen Schlaf gefallen.

„Du hast uns mit deiner letzten Kraft gerettet.“ Neasa schloss die Augen, ein Abbild des Bärs erschien vor ihr. „Dabei hätte ich es sein müssen, die …“ Sie schüttelte den Kopf. Nicht jetzt.

Neasa kniete sich zu Hafren. „Bitte, sag was.“

Nichts.

Hatte sie wirklich mit einer Reaktion gerechnet? Sie musste es verneinen. Es war nur der Versuch etwas zu tun, um sich nicht ganz hilflos vorzukommen. Allein in einem Wald, befallen von etwas, was sie eigentlich gar nicht verstand und es Seuche nannte, weil diese Bezeichnung der Situation am nächsten kam.

Sie legte Zeige- und Mittelfinger an Hafrens Hals. Der Puls war da. Schwach, aber regelmäßig.

Was jetzt? Beim letzten Mal hatte es mehrere Stunden gebraucht, bis Hafren wieder zu sich gekommen war und dann war sie noch schwach gewesen.

Neasa schaute in den Wald. Ich hätte sie nicht mitnehmen dürfen. Sie war nicht bereit dafür.

Sie seufzte und verdrängte die Zweifel und den aufsteigenden Selbsthass. Beides brachte sie jetzt nicht weiter. Hafren war eine zierliche Person, trotzdem würde Neasa sie keine weite Strecke tragen können, vom Weg nach Hause ganz zu schweigen.

Sie holte die Karte heraus. Wenn hier früher Wagen mit Fässern, Kisten und Säcken beladen gefahren waren, dann hätte die Pferde nicht den gesamten Weg am Stück schaffen können. Sie hatten Rast machen oder die Tiere tauschen müssen.

Neasa hoffte, auf dem Weg, am besten in nicht allzu weiter Entfernung, eine Hütte, einen Unterstand oder einfach irgendetwas gab, wo sie halbwegs geschützt waren. Zumindest vor dem geschützt, was sie sofort und nicht schleichend töten konnte.

„Es ist unglaublich wie dumm ihr Menschen seid.“

Neasa packte ihre Sense und sprang auf. „Wer ist da?“

Sie spürte etwas im Wald vor ihr. Ihr Verfolger. Jetzt gab er sich endlich zu erkennen. In dem wohl ungünstigsten Moment auf ihrer Reise. Neasa blieb vor Hafren mit erhobener Sense stehen.

„Glaubst du, du könntest mich damit aufhalten?“, spottete die männliche Stimme aus dem Unterholz.

„Ich werde nicht kampflos aufgeben!“ Am liebsten wäre es ihr einfach gewesen, überhaupt nicht kämpfen zu müssen. „Du verfolgst uns, seit wir den Wald betreten haben. Ich wusste die ganze Zeit, dass du da bist. Dann kannst du dich jetzt zeigen.“

Die letzten Jahre waren für Neasa geprägt von Geheimnissen und großen Unbekannten. Ein bisschen Gewissheit wäre dieses eine Mal nicht verkehrt.

„Du hast mich für eine astrale Reflexion gehalten.“

Neasa zuckte. Hatte dieses Wesen so gute Ohren, dass es der Unterhaltung mit Hafren hatte lauschen können oder konnte es gar Gedankenlesen. Beide Optionen empfand Neasa als beunruhigend.

„Das stimmt.“ Was blieb ihr jetzt auch anderes übrig, als es zuzugeben. „Bis meine Begleiterin gefallen ist. Da hast du dich verraten.“

„Aber du musst zugeben, für jemanden, die sich Druidin nennt, ist es traurig.“

Auch da hatte er leider recht.

„Wenn du dir so sicher bist, mir überlegen zu sein, warum kommst du dann nicht aus den Schatten heraus?“

Es wurde still. Noch stiller, als der Wald es seit der Seuche schon war. Als hätte die Natur ihren restlichen Atem angehalten und wartete nun gespannt darauf, was passieren würde.

Dann ein Rascheln im Unterholz, ein Kratzen über den Boden. Die Äste der Sträucher bogen sich zur Seite. Eine Silhouette kam aus dem dichten Dunkel des Waldes. Runde Ohren, eine lange Nase, der Kopf nach vorne geneigt.

Eine … Ratte?

Das Wesen war groß wie Neasa selbst und trug in jeder Hand einen Dolch.

Neasa weitete die Augen. So etwas hatte sie schon einmal gesehen, wenn auch nicht in der Realität, sondern in einem der Bücher von Anaru.

Sie griff fester um den Stab der Sense. „Was willst du von uns?“ Ihre Stimme war zu leise gewesen, um Eindruck zu machen. Das ärgerte sie.

Die Ratte kam ohne Antwort näher und blieb dann zwei Schritte vor ihr stehen. „Ich will, dass ihr hier verschwindet.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber es geht nicht danach, was ich will, sondern er.“

„Er?“

„Das wirst du noch früh genug erfahren.“ Das Wesen ging an Neasa vorbei und vor Hafren in die Hocke. „Ich bringe euch zu ihm. Widerstand ist nicht erwünscht.“ Er steckte die Dolche weg und hob sich Hafren mit Leichtigkeit auf die Schultern.

„Ist er ein Elf?“

Die Ratte spuckte voller Abscheu auf den Boden. „Sehe ich so aus, als würde ich mit denen gemeinsame Sache machen?“ Seine runden Augen verengten sich, als er Neasa ansah.

Sie schüttelte hastig den Kopf. Hoffentlich reichte das, um ihn zu beruhigen.

„Würdest du mir wenigstens deinen Namen verraten? Wo du uns ja so gut zu kennen scheinst, wäre das …“

„Taemin und jetzt sei still oder willst du noch einen Bären anlocken?“

Ganz sicher war das kein Wunsch von ihr.

Neasa folgte Taemin mit kurzem Abstand und hielt dabei Hafren fest im Blick. Wenn die Nekromantin aufwachte, würde sie Fragen haben. Leider keine, die Neasa ihr beantworten konnte.

Auf ihrem Weg, tiefer in den Wald hinein, war es weiterhin still. Gleichzeitig beobachtete sie immer wieder Tiere, die sie aus sicherer Entfernung musterten. Zuvor hatte sich Neasa zu sehr darauf konzentrieren müssen, den Weg im Auge zu behalten, dass sie nicht einmal sagen konnte, ob es die ganze Zeit schon so gewesen war.

Wer bist du?,  dachte Neasa mit einem Blick auf die Ohren der Ratte. Wenn du uns hättest loswerden wollen, hättest du es einfach tun können. Und wer ist Er? Ein Freund, ein Feind. Sie ballte die Fäuste. Einfach mit Taemin mitzugehen hatte ihr nicht gefallen, aber eine andere Wahl hatte es auch nicht gegeben. Einen Kampf gegen ihn zu beginnen oder zu flüchten, wäre aussichtslos gewesen. Außerdem, was wäre mit Hafren passiert? So blieb Neasa nur aufmerksam zu bleiben, besonders wo sie nur den Bruchteil ihrer Kräfte nutzen konnte.

Taemin blieb vor einem Baum stehen, dessen Wurzeln nicht direkt in den Boden ging, sondern den Stamm fast eine komplette Körperhöhe von Neasa anhoben. Sie erinnerten an Beine und die Druidin hätte es nicht gewundert, wenn dieser Baum sich im nächsten Moment dafür entschied ein paar Meter weiterzugehen.

„Zwäng dich zwischen den Wurzeln durch“, wies Taemin sie an, dabei schaute er sich noch einmal um.

„Und dann? Zerquetscht mich der Baum mit ihnen?“

„Nein. Er wird unten auf dich warten.“

Neasa überlegte kurz, ob sie noch einmal den Versuch starten sollte, herauszufinden, wer dieser jemand überhaupt war, aber Taemin machte nicht den Eindruck, als ließe er sich etwas entlocken. Dass er den Elfen so ablehnend gegenüberstand, war der einzige Punkt, der ihr etwas Vertrauen schenkte. Und dass er nicht von ihr verlangt hatte die Sense abzulegen. Vielleicht war es aber auch nur der Fall, weil er in Neasa keine Bedrohung sah.

Die Wurzeln des Baumes lagen so weit auseinander, dass Neasa gerade so durch passte. Der gewaltige Durchmesser des Stammes wurde ihr erst jetzt bewusst. Es waren so viele Wurzeln, dass sie die andere Seite nicht sehen konnte. Musste sie aber auch nicht. In der Mitte, oder dort wo sie diese vermutete, befand sich ein Loch im Boden. Mit Treppen, die in die Erde führten.

Das metallische Klingen hinter ihr, verriet Neasa, dass Taemin ihr folgte. Sie schaute in das Loch. Es war dunkel, nach ein paar Stufen war nichts mehr zu erkennen.

„Geh“, sagte Taemin und zeigte in die Dunkelheit.

„Ich kann dort nicht sehen.“

„Ach ja. Menschen.“

War das ein Seufzer gewesen?

Taemin hob seine Vorderpfote. Als er sie öffnete flackerte eine Flamme knapp über seiner Haut.

„Du bist magisch begabt?“

„Nur das. Du siehst, wie schnell dich die Magie verlässt.“

Da hatte er leider recht.

Er ging vor. Stufe um Stufe drangen sie tiefer in die Dunkelheit. Zu Anfang hatten noch vereinzelt die Enden von Wurzeln aus den Wänden geschaut, jetzt war es nur noch die nackte Erde.

Am Fuß der Treppe folgte ein Gang, der ebenfalls unbeleuchtet war. Neasa verlor ihr Zeitgefühl, hatte nur den warmen Lichterkranz an den Wänden, Decke und Boden im Blick. Es war warm, die Luft voll mit dem Geruch von feuchter Erde.

Dann kamen sie in eine Höhle. Deutlich heller. Ein paar Fackeln hingen an den Wänden.

„Wir warten hier“, sagte Taemin.

Neasa sah sich um. Es gab mehrere Gänge, die aus diesem Bereich führten. In einem davon war ein kleines Licht zu sehen, dass, je näher es kam, größer wurde. Eine Gestalt mit einer langen, felligen Nase trug eine Fackel in der Hand. Sein Gesicht lag im Schatten der Kapuze in der zwei Löcher für die Ohren geschnitten waren.

„Es tut mir leid, wenn Taemin einen etwas rauen Ton euch gegenüber angeschlagen hat.“ Eine alte Stimme, mit einem liebevollen Unterton. Die Nase bewegte sich hoch, in Richtung Hafren. „Ihr habt sicher viele Fragen, aber erst einmal seid unsere Gäste. Ruht euch aus.“

„Woher habt ihr gewusst, dass wir auf dem Weg sind. Taemin ist uns doch die ganze Zeit gefolgt.“

Ein Schmunzeln unter der Kapuze. „Anaru. Ein guter Freund. Er sagte mir Bescheid.“

„Anaru?“

Damit hatte Neasa nicht gerechnet.

„Taemin, bring die beiden bitte in eine der Höhlen, wo sie sich ausruhen können. Besonders Hafren wird noch etwas Zeit brauchen.“ Dann richtete er sich an Neasa. „Ich werde dir all deine Fragen beantworten, sobald auch deine Freundin wieder bei Kräften ist. Deine Maske kannst du abnehmen. Die Seuche, wie ihr sie nennt, ist keine Gefahr für dich. Wie ihr zwei schon richtig vermutet habt, ist sie magisch.“

„Keine Gefahr …“, murmelte Neasa und spürte in diesem Moment wieder den brennenden Schmerz, als die Weide ihr den Ast durch das Auge gezogen hatte.“

„Auch das werde ich dir erklären. Aber zu seiner Zeit.“ Die Ratte kam auf Neasa zu. Ihr Schwanz schliff dabei über den Boden. „Ich weiß, dass dies alles sehr verwirrend für dich sein muss. Ich bitte dich dennoch, mir zu vertrauen.“ Er schob seine Kapuze zurück. „Von Druide zu Druiden.“

Seine Augen waren trüb. Er war blind.