Kapitel 1

Die Pflanze stand in vollem Leben und gleichzeitig hatte der Tod seine Hand um sie gelegt. Kräftige lange Blätter hingen herab, als verlangten sie nach Wasser. Dabei war die Erde im Tontopf feucht, er stand im Halbschatten, ganz wie das Gewächs es brauchte, um sich wohlzufühlen. Neasa hatte alles getan, um es ihr so bequem wie möglich zu machen, und doch richteten die Blätter sich nicht wieder auf.

Neasa hielt ihre Hand darüber. Lauschte der Stimme der Pflanze, aber sie verstand nichts. Es war nur ein Wirrwarr aus Silben, die hintereinander gereiht waren, ganz ohne Sinn.

Neasa schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf die Aura, die jedes Lebewesen umgab. Ein feiner Schimmer zeichnete die Konturen der Blätter nach, die in diesem Raum der Wahrnehmung aufrecht waren. Beim ersten Anblick dieses Bildes hatte Neasa an allem gezweifelt, was sie jemals in ihrer Ausbildung zur Druidin gelernt hatte. Die Astrale Sicht war ein Abbild der physischen Welt, die auf der mentalen Ebene Informationen preisgab, die man mit den fünf Sinnen nicht erfassen konnte. Wie war es möglich, dass sich die Aura so stark von dem Sichtbaren unterschied?

Neasa öffnete die Augen. In ihrem Nacken kribbelte es, als sie die Kräfte der Natur bat, ihr bei ihrem Vorhaben zu helfen. Die Luft um sie herum, das Rinnsal hinter ihrer Hütte und die Pflanzen im Garten erhörten ihre Bitte. Neasas Hände erwärmten sich. Leuchtende Partikel flogen, wie Glühwürmchen um ihre Finger herum, und wenn sie Neasas Haut berührten, kam es zu einem punktuellen Prickeln.

„Also los“, gab sich Neasa einen Ruck. Sanft leitete sie die Energie an das Gewächs weiter. Die Partikel lösten sich aus Neasas Hand und schwirrten auf die Pflanze zu. Spiralförmig bewegten sie sich auf sie zu.

Ganz langsam. Jetzt nichts überstürzen. Neasa spürte eine Veränderung. Allerdings nicht so, wie sie es sich gewünscht hatte. Die Pflanze sträubte sich gegen die Kraft, die Neasa ihr geben wollte. Dabei war sie sich so sicher gewesen, dass es nur etwas Energie von außen brauchte, um dieses etwas, was die Pflanze umgab, zu durchbrechen. Neasa konnte die Worte der Pflanze noch immer nicht verstehen, aber sie bemerkte deutlich, wie sehr sich die Stimmung darin änderte. Es war nicht mehr die liebliche Melodie, die sie zuvor gehört hatte, es waren Schreie, wie sie die Krieger der Stadt ausstießen, wenn sie beim Kampf mit ihren Schwertern aufeinander losgingen.

Die Blätter bebten, krallten sich wie Finger, die sich verzweifelt an einen Abgrund klammerten, als die ersten Partikel sie berührten. Dann zuckten sie einmal, richteten sich auf, bis sie wie Speerspitzen zur Decke von Neasas Hütte zeigten. In Sekundenbruchteilen welkten alle Blätter dahin und zurück blieb nicht mehr als ein ausgetrocknetes Gestrüpp.

Was? Neasa betrachtete traurig die Reste der Pflanze im Topf. Ihre Blätter hingen über den Rand und zerfielen zu Staub, als Neasa sie mit dem Finger berührte. Die Stimme war versiegt. Der Tod hatte sie zu sich geholt.

„Ich verstehe es nicht.“ Sie senkte die Schultern.

„Ich auch nicht.“

Neasa drehte sich erschrocken zur Seite. Der hochgewachsene Magister stand links neben ihr.

„Wie seid Ihr hier hereingekommen?“, fragte sie, ohne ihre Entrüstung zu verbergen.

„Die Tür war nicht abgeschlossen.“

„Das ist kein Grund, ohne meine Erlaubnis mein Heim zu betreten.“

Der Magister zog kurz die dicken, blonden Augenbrauen zusammen und ging dann wortlos an ihr vorbei zu dem Tisch, auf dem die Pflanze stand. „Warum gibst du es nicht auf?“, wollte er wissen und betrachtete das Häufchen Staub auf dem Holz.

„Weil ich nicht glauben will, dass der Wald verloren ist.“

Der Magister schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob mich dein Ehrgeiz und dein Durchhaltevermögen beeindruckt oder mich deine Dummheit betrübt.“

Neasa war froh, dass er mit dem Rücken zu ihr stand, so trafen ihre eisigen Blicke nur das lange Haar, welches sich in einem Zopf bis zu seinem Becken erstreckte.

„Allein brauche ich auch dementsprechend lange.“

Er sah über die Schulter. „Neasa, du solltest dein Unterfangen aufgeben. Was hat es dir bisher gebracht?“

Die Erkenntnis, dass der Wald gegen etwas kämpft. Sie wagte es nicht, ihre neu gewonnenen Eindrücke mit dem Magister zu teilen. Er würde es doch nur wieder mit einer Handbewegung als unwichtig abtun.

Er drehte sich zu ihr. „Ich sehe nur den Schmerz, den es dir gebracht hat.“

„Es war meine Unvorsichtigkeit, nicht der Wald, an den ich eines meiner Augenlichter verloren habe.“

„Und nicht nur das.“

„Warum seid Ihr hergekommen?“, fragte sie kühl. „Sicher nicht, um mit mir über diesen einen Tag zu sprechen.“

„Nein.“ Der Magister nahm Haltung an. „Allerdings hat es etwas mit der Seuche des Waldes zu tun. Die Elfen haben auch weiterhin keinen Ansatz, was mit dem Wald passiert. Deswegen …“

„Dann wäre es vielleicht eine gute Sache, wenn man die Druidengilde nicht von den Forschungen ausschließen würde. Warum sperren sich die Elfen so gegen unsere Hilfe, wo sie doch selbst nicht weiterkommen?“, fiel Neasa ihm ins Wort.

Der Magister strafte sie mit einem tadelnden Blick. „Das weiß ich nicht und ich habe auch nicht die Befugnisse, dies zu erfragen. Die Gilde wird weiterhin beobachten, ob sich die Grenze verändert. Mehr können wir nicht tun.“

„Die Seuche hat sich seit Beginn nicht ausgebreitet und man sollte darüber nachdenken, warum sie es nicht tut. Jede Krankheit breitete sich unabhängig von Landesgrenzen aus, warum diesmal nicht?“

„Neasa!“

Sie schreckte zusammen.

„Das reicht jetzt. Ich kenne deine Einstellung und du weißt, wie ich dazu stehe.“

Sie ballte die Fäuste und presste die Lippen fest zusammen, um ihm keinen Konter zu geben. Natürlich kannte sie seine Meinung dazu. Dass sie ihr Druidenhandwerk überhaupt noch ausführen durfte, obwohl sie aus der Gilde ausgetreten war, hing allein von seiner Gefälligkeit ab. Auf der einen Seite erfüllte es sie mit Stolz, dass der Magister so viel von ihr hielt und mit seinem Einfluss schützte. Auf der anderen Seite machte es sie wütend, von ihm abhängig zu sein. Nur war das die einzige Möglichkeit, weiter an einer Lösung für das Problem zu forschen.

„Also gut, was haben die Elfen vor.“ Sie schluckte ihren Zorn herunter und er legte sich wie ein Haufen Steine in ihren Magen.

„Sie möchten den Wald kontrolliert niederbrennen und anschließend einen Neuen auf der Asche wachsen lassen.“

„Niederbrennen?“ Neasa wusste nicht, welches ihrer Gefühle zuerst Zeit bekommen sollte, um an die Oberfläche zu kommen. Empörung, Fassungslosigkeit oder Verzweiflung. Zumindest verdrängt es die Wut auf ihre Situation mit dem Magister schlagartig. „Haben sie überhaupt schon versucht, auf der Asche etwas zu pflanzen?“

„Ich weiß es nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber es ist ihr Wald.“

„Ihr Wald?“ Die Fassungslosigkeit und die Empörung lieferten sich ein Kopf an Kopf Rennen. Der Ausgang war noch ungewiss und von einer der nächsten Aussagen des Magisters abhängig. „Der Wald gehört allen Wesen, die dort wohnen. Was wird aus den Tieren? Sollen die auch mit verbrannt werden?“

„Der Wald war Teil ihres Territoriums und so ist es auch ihre Entscheidung, was damit passieren wird. Ich bedauere diesen Schritt, aber ich habe keine Handhabung dafür. Ich habe in den letzten Zeiten meine Kompetenzen schon zu oft überschritten, als dass ich mich dort einmischen könnte. Im Rat der Elfen ist auf mich nicht mehr gut zu sprechen.“

„Dann seid Ihr also gekommen, um mir zu sagen, dass ich meine Forschungen einstellen soll, weil sie keinen Wert mehr haben und die Elfen schon entschieden haben?“

„Wenn du es so nennen willst. Ja.“ Er drehte ihr den Rücken zu und ging mit langen Schritten zur Tür.

Neasa starrte ihm nach. Dann kam ihr ein Gedanke. „Habt Ihr schon überlegt, was passieren könnte, wenn die Tiere vor dem Feuer fliehen und sich dann in unseren Wäldern verstecken? Wenn sich die Seuche auf diesem Wege ausbreitet, dann sind wir die Nächsten, die ihre Heimat verlieren.“

Der Magister blieb an der Tür stehen und legte seine Hand auf den Rahmen. „Der Einwand ist gut. Ich werde mit den Elfen darüber sprechen und hoffe, dass ich einen Aufschub rausschlagen kann. Beeile dich mit deinen Forschungen.“ Er verließ die Hütte und Neasa blieb mitten im Raum stehend zurück.

„Ich glaube es nicht.“ Sie ließ sich auf den Hocker vor ihrem Tisch sinken und ihr Blick fiel auf die Reste der Pflanze. „Die Seuche beschränkt sich seit Beginn auf den Wald der Elfen. Sie breitet sich nicht aus, sie existiert einfach. Wie können sie die Gefahr eingehen, dass sie sich jetzt doch noch ausbreitet?“

Verzweifelt vergrub sie das Gesicht in den Händen. Zwei Sommer suchte sie jetzt nach einem Weg den Wald von der Seuche zu befreien, hatte dafür sogar den Ausschluss aus der Druidengilde in Kauf genommen, in der sie lange ein anerkanntes und geschätztes Mitglied gewesen war. Das durfte jetzt nicht alles umsonst sein.