Kapitel 8

„Anaru hat dir ein Buch mitgegeben und du musst es nicht einmal zurückgeben? Aus seiner Bibliothek?“ Hafren weitete die Augen.

„Ja, so habe ich auch geschaut.“

„Ich dachte, es ist ihm so wichtig, dass alles Bücher immer zusammenbleiben, damit sie für jeden zugänglich sind.“

Neasa nickte. „Allerdings war dieses hier nicht in einem der Regale.“ Sie legte das Buch auf den Tisch. Zumindest den Transport bis zu Hafrens Hütte hatte es weitgehend unbeschadet überstanden. Abgesehen von den Lederkrümeln in ihrem Beutel, die sich von dem Deckel des Buches abgerieben hatte.

„Nicht im Regal?“ Hafren schmunzelte. „Hat das alte Schlitzohr doch nicht sein ganzes Wissen an alle weitergeben wollen?“

Neasa zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Er gab es mir mit den Worten, dass daran niemand mehr Interesse hätte und ich es deswegen mitnehmen dürfte.“

Hafren zog das Buch zu sich und schlug die erste Seite auf. „Kannst du Elfisch?“

„Ein wenig wieso?“

„Weil wir sonst ein Problem haben.“ Hafren schob es zurück und drehte es dabei so, dass Neasa es lesen konnte.

„Natürlich.“ Neasa seufzte. „Er hat es aus seinen Beständen mitgenommen, bevor er das Elfenreich verlassen hat. Auf welcher Sprache sollte es sonst sein.“ Sie atmete tief durch und kramte in den Tiefen ihrer Erinnerung nach allen elfischen Wörtern, die sie irgendwann einmal von Anaru gelernt hatte.

„Hm“, machte Neasa. Zumindest ein Wort auf der ersten Seite konnte sie aus der geschwungenen, verschnörkelten Schrift sofort erkennen. „Das Buch hat Anaru selbst geschrieben.“

„Das wäre nicht das einzige.“

„Da hast du recht. Viele der Schriften aus der Bibliothek hat er selbst verfasst. Als Elf hat er ja auch genug Zeit dafür gehabt.“ Sie blätterte weiter. „Offensichtlich hat er versucht, möglichst viel auf eine Seite zu bringen.“ Neasa ließ resigniert die Schultern sinken, als sie ihren Blick über die kleine Schrift wandern ließ. Selbst wenn sie das Elfische perfekt beherrschen würde, bräuchte sie Wochen, um das alles zu lesen. Außerdem war das Papier im Laufe der Jahrhunderte so dünn geworden, dass die Buchstaben der Rückseite durchschienen und es so noch schwerer machte, etwas zu erkennen.

War das ganze Buch ein Fehlschlag? Neasa biss sich auf die Lippen. Stand Anaru doch nicht auf ihrer Seite?

Sie blätterte weiter. Der alte Elf hatte sich wirklich bemüht, die Fläche auf dem Papier so gut wie möglich auszunutzen. Dann kam Neasa zur Mitte.

„Oh eine Zeichnung“, sagte Hafren, die geduldig gewartet hatte.

„Ja.“ Neasa blinzelte und legte die Stirn in Falten. „Ich glaube, das ist ein Teil des Elfenreiches. Diese Küstenlinie habe ich schon mal irgendwo gesehen.“

„Ist das überhaupt noch ein Buch?“ Hafren zog eine Augenbraue hoch.

„Was meinst du?“

Hafren nahm das Buch an sich und wollte umblättern. Dabei entfalteten sich zwei neue Seiten. „Das.“

Die beiden Frauen sahen einander an. Vorsichtig klappte Hafren ein Teil nach dem anderen auseinander. Der gesamte zweite Teil des Buches war mit einer komplizierten Technik gefaltet und als es der Nekromantin gelungen war, alles aufzuklappen, mussten sie vom Tisch auf den Fußboden wechseln. Anaru hatte eine detaillierte Karte des Elfenreiches gezeichnet, von der Neasa glaubte, dass sogar jeder Baum darauf vermerkt war.

„Das ist unglaublich.“ Neasa wusste nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte. Sie fragte sich, wie lange er dafür gebraucht hatte und auch wie er diese ganzen Details erfasst und zu einer solchen Karte umgesetzt hatte.

„Diese Linien“, sagte Hafren nachdenklich und zeigte auf kleine Striche, die nicht mit Tinte auf die Karte gezeichnet waren. „Meinst du, das sind die Ley-Linien?“

„Möglich. Hast du etwas, damit wir sie verdeutlichen können. Das Grafit ist schon zu schwach.“

„Sicher.“ Hafren stand auf und ging an ihr Regal. Aus einem Korb nahm sie ein Wollknäul. Ihr Kater richtete sich auf. Skeptisch beobachtete er, was sein Frauchen mit seinem Spielzeug anfangen wollte.

Gemeinsam legten Hafren und Neasa Wollfäden auf die schwachen Linien und sehr schnell ergab sich daraus ein ganzes Netz, das sich über das Elfenreich ausbreitete. Neasa hatte erwartet, dass die Hauptstadt das Zentrum von allem sein würde, aber es war ein Punkt mitten im Wald. Ein gutes Stück entfernt von der prächtigen Jahrtausende alten Stadt.

„Das sind Ley-Linien“, stellte Neasa fest. „Und schau mal, Anaru hat die Knotenpunkte auch schwach umrahmt.“

„Ich frage mich nur, warum er sie nicht mit Tinte eingezeichnet hat. Ihm hätte doch klar sein müssen, dass das Grafit im Laufe der Jahre verblasst.“

„Stimmt.“ Neasa rieb sich das Kinn. Bisher hatte sie Hafren noch nicht gesagt, dass sie eine von Anaru geschaffene Zone in der Bibliothek vermutete. Hing das alles zusammen? Wann hatte er diese Wand aufgebaut? In dem Moment, als sie hereingekommen war? Schließlich hatte sie die ganze Zeit über keinen anderen Besucher gesehen. Hieß das auch Anaru hatte Neasa bemerkt, bevor sie ihn angesprochen hatte?

„Also, was machen wir jetzt?“, fragte Hafren. „In den Wald spazieren und uns auf den größten Knotenpunkt konzentrieren.“

„Gute Frage. Ich würde mir schon mehr Vorbereitung wünschen, auch für dich. Bist du schon wieder so stark, dass du es aushalten kannst?“

„Ich höre die Stimmen nur leise. Wie es ist, wenn ich nah an den Wald herangehe, kann ich dir erst sagen, wenn wir dort sind. Ich habe in meinen Büchern nichts gefunden, was mir helfen würde. Leider.“

Neasa musterte Hafren, dann schaute sie wieder auf die Karte. „Der Punkt ist ein gutes Stück in den Wald hinein. Ohne die Seuche würde ich von einem Tagesmarsch ausgehen, vielleicht sogar mehr. Das Reich der Elfen ist groß und ich kann die Entfernung kaum einschätzen.“

„Das heißt, wir werden dort übernachten müssen.“

Neasa nickte. „Ich habe den Wald schon oft betreten und mit der Maske und den Kräutern geht es. Aber ich war immer nur kurz dort. Ich weiß nicht, wie lange der Schutz hält.“ Sie schüttelte den Kopf. „Weil es die Jahre so schwer war, in die Richtung zu forschen, stehen wir eigentlich wieder ganz am Anfang. Die eine Frage, auf die wir eine Antwort haben, hat so viele neue Fragen aufgeworfen, dass …“

„Neasa, manchmal ist es besser, nicht zu viel zu denken“, warf Hafren mit einem Lächeln ein.

Sie hat keine Angst. Natürlich, sie weiß, was nach dem Leben folgt. „Ich wünschte, ich könnte es. Als Druidin hat man mich gelehrt, immer nach dem großen Zusammenhang zu schauen. Jedes kleine Teil ist ein Stück des Ganzen und man kann es erst verstehen, wenn …“

„Sicher“, unterbrach sie Hafren. „Aber wir haben nun mal nur winzige Teile. Wir wissen, dass sich der Wald zwischen Leben und Tod befindet. Dass wir den Elfen nicht trauen sollen. Und auch, dass der Wald keine Einmischung duldet.“

„Das habe ich gemerkt.“ Neasa fuhr sich über die Narbe. „Aber warum hat er mich dann nicht getötet? Er hätte die Möglichkeit gehabt. Mehrfach.“

Hafren stand vom Boden auf und betrachtete die Karte. „Die Elfen sind das älteste Volk, sie gelten als annähernd unsterblich, wenn nichts Ungewöhnliches passiert. Älter als sie sind nur die Pflanzen und die Tiere.“ Sie lächelte kurz. „Und der Tod. Er begann mit dem Leben. Alle Völker sehen zu der Weisheit der Elfen auf, weil sie als allwissend gelten. Aber seien wir ehrlich, warum können sie ihren eigenen Wald nicht von einer Seuche befreien, die magisch zu sein scheint? Wieso weigern sie sich so sehr wirklich etwas herauszufinden? Wenn sie so weise sind, dann müssten sie die Erkenntnis von uns doch auch bekommen haben.“

„Hafren?“ Neasa schaute auf. „Willst du damit sagen, dass die Elfen ihren Wald gar nicht retten wollen?“

„Das hast du gesagt. Aber du meinst doch selbst, dass sie alles versuchen, um deine Forschungen zu unterbinden. Sie sagen, sie lieben ihren Wald und jetzt steht im Raum, dass sie ihn abbrennen wollen? Als du in der Bibliothek warst, habe ich mir noch einmal alles durch den Kopf gehen lassen. Das passt nicht. Alles nicht.“

Neasa stand ebenfalls auf. „Deine Gedankengänge sind mir nicht fremd. Auch ich habe sie öfter. Aber warum fällt so etwas nur uns auf? Es kann doch nicht sein, dass …“

„Doch. Menschen glauben gerne, was der einfache Weg für sie ist und mit ihren bisherigen Erfahrungen übereinstimmt. Aus ihrem Muster herauszugehen, fällt ihnen schwer. Zu Elfen sieht man auf. Sie zu kritisieren oder nur zu hinterfragen, steht uns niederen Wesen nicht zu. Was sind wir Menschen schon? Im Vergleich zu einem Elf? Eintagsfliegen. Unsere Lebenszeit ist viel zu kurz, um ihre Größe überhaupt zu erfassen.“

Die Ausführungen von Hafren ließen Neasa einen kalten Schauer den Rücken runterlaufen. Es war das, was sie tief in ihrem Inneren über die Sicht der Elfen auf die Menschen gedacht, aber nicht gewagt hatte auszusprechen. Ewig hatte sie diese Gedanken verdrängt und wenn sie Hafren reden hörte, dann war ihr klar, dass auch sie in diesem Geflecht gefangen gewesen war. Es mochte zu einem Teil auch daran gelegen haben, dass sie zu Anaru wirklich immer aufgeschaut hatte.

Aber es hatte auch einen Grund gehabt. Sie hatte viel von ihm gelernt und er hatte sie nie von oben herab behandelt. Er hatte ihre Fragen damit beantwortet, dass er Gegenfragen stellte und sie so auf den richtigen Weg zur Lösung brachte.

Die Elfen, die jetzt einen Unterschlupf in der Stadt gefunden hatte, waren anders. Sie waren genauso, wie Hafren sie darstellte.

„Du hast recht. Und der Wald wird das auch wissen. Vielleicht hat er mich nur auf die Probe gestellt und wir können ihm zeigen, dass wir wirklich helfen wollen.“

Hafren verschränkte die Arme. „Ganz genau so sehe ich das auch.“

„Dann lass uns ein paar Sachen vorbereiten und morgen brechen wir auf.“